Zweiter Markt. Weitere Impressionen.

Tag zwei.

Noch vier Stunden und fünfzehn Minuten.

Kurz nach zwölf Uhr kann ich nicht mehr an mich halten. Ich beiße in die erste Gurke, die meine Standpartnerin mitgebracht hat. Kurz darauf in die zweite und schon schenke ich den, in einer Thermoskanne mitgebrachten, Kaffee aus, den ich eigentlich für die Nachmittagspause eingeplant hatte. Was soll’s, dann holen wir uns später am Kiosk einen weiteren. Zum Kaffee gibt es einen Keks. Anschließend ein wenig Obst und wenn ich also schon beim Essen bin, kann ich eigentlich auch mein Käsebrot essen, und mein Mittagsmahl mit einem weiteren Keks abschließen. Was man aus lauter Langeweile so alles in sich hineinbekommt!

Ich sitze auf einem niedrigen Hocker, verschwinde vollkommen hinter meinem Ausstellungskoffer. Das ist egal. Der hauptsächliche Grund, warum mich hinter diesem Aufbau keiner sieht, ist der, dass überhaupt niemand vorbeikommt, der mich sehen können wollte. Es regnet seit morgens.

Die Patienten der hier ansässigen Reha-Kliniken mit Krücken und in Rollstühlen, die gestern noch gelegentlich vorbei geschlappt kamen, bleiben aus. Dementsprechend auch die Begleitpersonen der Gehbeeinträchtigten. Genauso die Rollator-Fahrer oder -schieber und die Hundefanatiker, die ihre zarten Schätzchen in Baggies durch die Gegend schieben, zum Glück auch. Insgesamt bemisst sich der Altersdurchschnitt der Marktspazierer auf etwa fünfundsiebzig. Die meisten halten einen Sicherheitsabstand von mindestens zwei Metern zu unserem Stand ein. Schließlich sieht man schon von weitem, dass unsere Ware irgendwie anders ist, und bekanntermaßen macht Neues Angst. Ein älterer Herr allerdings lässt sich nicht beeindrucken. Er spricht mich auf meine roten Pluderhosen an: „Tragen Sie die viel und gerne? … Ist viel Luft drin, was? … Aber fliegen können Sie nicht damit, oder?“ Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe, die Fragen sind so kurios, dass meine Schlagfertigkeit abhanden kommt. Es braucht meine Antworten sowieso nicht, der Mann beantwortet seine Fragen selbst. Auf dem Rückweg bleibt er erneut stehen und kommentiert meine Notizbucheintragungen: „Schreiben Sie mir einen Brief? … Schreiben Sie auf, wer besonders frech ist? … Na, dann geh ich lieber schnell weiter!“

 

Ich überlege ernsthaft, ob wir nicht einfach zusammenpacken sollen. Doch der Regen hat wieder zugenommen. Die Vorstellung von der bevorstehenden Schlacht mit nassen Pavillionplanen, verringert meine Motivation. Die Pfütze, in der unsere Nachbarin bereits seit einer Weile steht, läuft langsam über den Sicherheitsabstand zu uns hinaus. Ich fange an, meine Koffer, in denen Keramik, Schmuck, Verpackungsmaterial, Werkzeug für den Standaufbau und andere Sachen, verstaut sind, zu evakuieren. Nur wohin? Auch von der anderen Seite bahnt sich langsam ein Bach seinen Weg. Der Raum, den wir hinter unseren Tischen zum Stehen und Sitzen hatten, ist allmählich geflutet. Sitzen kann ich nicht mehr, denn zwei der Koffer habe ich auf meinen Hocker gerettet.

Drei, vier Passanten eilen vorbei, ihr Gesprächsthema kreist um den zweiten Regenschirm, den sie doch hätten mitnehmen sollen. Die Pfütze wird größer, mir ist kühl und ich muss aufs Klo. Aber ich habe weder einen und schon gar nicht zwei Regenschirme und meine Regenjacke ist undicht. Ich überlege, wieder was zu essen. Der Regen nimmt weiter zu. Schon seit einiger Zeit ist keine einzige Person mehr vorbeigekommen. Dafür nun die Markt-Organisatorin in ihren bunt gestreiften Gummistiefeln, mit einem Lächeln, wie immer, das diesmal jedoch etwas hilflos wirkt: „Also, ich überlasse es jetzt euch, ob ihr bleibt oder nicht.“

Mein Herz macht einen Freudenhüpfer! Das ist der Startschuss! Überlegt wird da nicht mehr! Kaum zwei Stunden später sitzen meine Standpartnerin und ich mit voll geräumten Autos am Kiosk und teilen uns von dem spärlich eingenommenen Geld ein Champignon-Rahm-Schnitzel und trinken einen Feierabend-Kaffee. Wir sinnieren, was wir von diesem unserem zweiten Markt gelernt haben. Ganz sicher sind wir uns nicht, aber: Eine Erfahrung war es!

 

 

Oktober 2018