Ziegenalltag. Oder: Heuballenweisheit

Es ist Januar. Mein Unterwegssein hat wieder begonnen. Nun bin ich hier, im Tschechischen Wald, als Ziegenhirtin. Naja, es ist Winter und die Ziegen sind im Stall. Mein Tag beginnt bei den Ziegen. Noch bevor ich meinen Kaffee getrunken habe, hangel ich mich die Leiter zum Heuschober hinauf. Puh, Leitern sind echt nicht mein Ding. Vor allem nicht, wenn man in drei Metern Höhe über dem Kopf Riegel vor- und zurückschieben und sich dann ducken muss, damit die Klappe aufschwingen kann. Das Wohlgefühl auf der Leiter wird durch Regennässe beeinträchtigt und noch umso mehr, wenn das Wasser durch die einsetzende Kälte zu einer glatten Eisschicht einfriert. Am schlimmsten ist, wenn Dachlawinengefahr durch herabstürzenden Schnee besteht… Das sind so Momente, in denen ich denke: Wie gut, dass niemand weiß, was ich gerade mache! Ich klettere die letzten Zentimeter hoch und krabbel durch die Wandöffnung. Geschafft! Das Heu duftet. Durch einen Schacht werfe ich das Heu in eine Fressvorrichtung unten im Stall. Die Ziegen scharten sich in meinen ersten Arbeitstagen schon aufgeregt blökend, gucken gespannt nach oben und warteten sehnlichst auf die erste Heuladung. Inzwischen sind sie wohl davon überzeugt, dass sie Futter und ausreichend davon bekommen werden; nun liegen sie meist ziemlich entspannt und vielleicht auch gelangweilt im Stroh, bis die ersten Halme ihnen auf den Kopf geworfen werden. Vortritt hat die Ober-Ziege. Sie duldet selten Fressnachbarinnen neben sich.

Ich fülle beide Fressvorrichtungen. Inzwischen ist mir warm. Rückwärts die Leiter runter ist noch schlimmer…Ich knie in der Maueröffnung und versuche die oberste Sprosse zu erwischen, ohne vorher hinunterzufallen oder die Leiter umzustoßen. Meine Beine sind kurz, jedenfalls bedeutend kürzer als die meiner Gastgeber. Mir ist gar nicht wohl… Ich habe noch Helenas Worte in den Ohren: „Im Notfall muss man Heu hinunterwerfen und hinterher springen. Am besten hast Du immer ein Handy dabei.“ Habe ich natürlich nicht, und wen sollte ich schon anrufen? Aber selbst an solche halsbrecherischen Aktionen kann man sich gewöhnen. Nach ein paar Morgenden klettere ich die Leiter mit einer Leichtigkeit hinauf und wieder hinunter, als würde ich den ganzen Tag nichts anderes zu tun. Nichtsdestotrotz bin ich froh, dass ich die weiteren Aufgaben auf dem festen Erdboden erledigen kann.

Ich hole die Wassereimer aus dem Verschlag der Alt-Ziegen. Während sie am Fressen sind, interessieren sie sich kein bisschen für mich. Dafür meckern die Zicklein. Sie wollen auch ihr Heu! Im Stall nebenan, in dem nochmal fünf schwächere Ziegen, die immer von der Ober-Ziege unterdrückt worden waren, untergebracht sind, geht das Gemeckere ebenfalls los. Nun beginnt für mich der Kampf mit dem Heuballen. Weiß der Himmel, wie das Heu in den zusammengepresst wurde! Normalerweise fallen die Ballen einfach auseinander, beziehungsweise lassen sich aufrollen. Nicht dieser. Zunächst versuche ich die Halme (möglichst viele auf einmal) mit der Hand herauszurupfen: Mühsam. Außerdem tun mir davon nach zwei Tagen tatsächlich die Hände weh. Also versuche ich mit Hilfe eines Rechens mehr Halme aus dem Ballen herauszukämmen. Es ist effektiver, doch komme ich auch mit dieser Methode nicht mehr lange weiter… Jeden Tag werde ich ärgerlicher: Verdammt, irgendwann muss sich der Ballen doch lockern! – Bis ich aufgebe. Ich sinke auf die Knie und rupfe die Büschel eins nach dem anderen, schön allmählich aus dem Ballen; nur keine Hast am frühen Morgen. Eigentlich, genaugenommen, ist es doch sehr meditativ! Das Meckern der Ziegen im Hintergrund, knie ich im und vor dem Heu und rupfe, langsam und andächtig. Der Tag beginnt gemächlich, allerlei Gedanken gehen mir durch den Kopf, aber keine wütenden mehr wegen des Ballens. Und da, plötzlich – löst er sich! Er fällt einfach auseinander und ich kann das Heu in großen Ladungen in den riesigen Beutel schaufeln, aus dem ich es anschließend verteile. Welch Weisheit lehrt mich dieser Heuballen! Akzeptiere die Dinge, so wie sie sind und hadere nicht mit scheinbaren Ungerechtigkeiten der Welt. Das Richtige wird sich zu seiner Zeit schon ergeben!

Ganz routiniert hieve ich nun den vollen Beutel über das Gatter und entleere ihn in den Futtertrog. Ich fülle ihn erneut, schleppe ihn zu den Zicklein. Dann fülle ich die Wassereimer nach. Inzwischen weiß ich, was ich alles in der Zwischenzeit erledigen kann, bis ein Wassereimer voll ist und ich den nächsten unter den Wasserstrahl stellen kann. Alle meine Handgriffe haben ein System, ich erledige die Notwendigkeiten rasch und ruhig. Es erstaunt mich jeden Morgen, wie vertraut mir bereits die verschiedenen Riegel, die Unebenheiten im Boden, die Wege von einem Stall zum anderen sind.

Am späten Nachmittag kümmere ich mich nochmal um die Ziegen. Sie bekommen ihre Winterration Getreide. Erst seit meiner Ankunft geben wir ihnen den Weizen. Sie haben schnell gelernt, bereits am dritten Abend begannen sie um etwa fünf Uhr zu meckern – Zeit für den Leckerbissen! Ich frage mich was sie gestern gemacht haben. Da war ich um die Abendzeit nicht da, und kam erst als die Ziegen schon schliefen… Wenn ich den Stall betrete, dann geht das Geblöke so richtig los. Die großen Ziegen rennen aufgeregt Hin- und Her, stoßen sich gegenseitig aus dem Weg um ja als erste und am besten auch einzige am Futtertrog zu sein. Die Braune stützt sich auf ihre Vorderfüße und schaut ungeduldig über den Zaun hinweg. Welch Hast! Für die Zicklein mahle ich den Weizen. Gierig versuchen sie ihre Nasen durch die Gitterstäbe zu drücken und wedeln wild mit den Zungen umher, in der Hoffnung, dass sie ein Korn erhaschen. Tun sie nicht. Nur das kleine Hellbraune ohne Hörner, mit dafür umso längeren Schlackerohren, steht in Warteposition am Trog. Wenn ich den Kleinen das Schrot nicht schnell genug in den Trog schütte, dann füllen sie den schon mit ihren Köpfchen aus, nach dem Leckerbissen schnuppernd und schleckend, sodass ich ihnen die Körner über den Kopf schütten muss. Die Zicklein haben ihre Ordnung am Trog: Zwei weiße, das schwarz-weiße, das beige, das dunkelbraune und ganz rechts dann das hellbraune. Die erwachsenen Ziegen kennen eine Reihenfolge nicht. Da gilt eher: Aufgeregtes Mampfen in der einen Ecke, dann ruckartiges Zurückziehen des Kopfes (was wegen der Hörner Geschicklichkeit erfordert), hastige Suche nach einem anderen Futterplatz (was oftmals das An- und AusdemWeg-Stoßen der Gefährtinnen bedeutet), erneutes Kopf in den Trog stecken, dort malmen, um den ganzen Vorgang zu wiederholen… Hast, Futterneid, Gier!

Heute bringe ich ihnen einen Mittagssnack – frische Möhren. Sobald ich mich mit dem Karottensack nähere, drehen die Alt-Ziegen völlig durch. Die Zicklein können mit ihren ersten Karotten gar nichts anfangen. Sie haben wohl Getreide erwartet. Sie kapieren gar nicht, dass man diese länglich-runden, kalten, glatten und verhältnismäßig großen Dinger auch essen kann: Ratloses Schnuppern. Dann recken sie ihre Hälse nur noch weiter durch die Stäbe hindurch um bei mir etwas Essbares zu finden. Aber sie sind nicht die einzigen Ignoranten. Eine der Jung-Ziegen hat drei Möhrenstücke direkt vor ihrer Nase und während die anderen ihre Karotten vergnügt (?, jedenfalls sehr sehr schnell) herunterschlingen, verrenkt sie sich fast den Hals um zu sehen, wann ich denn, verflixt nochmal, endlich mit dem Getreide herausrücken würde! Kein Wunder, dass sie immer unter dem Trog sitzen muss um die herunterfallenden Halme zu erhaschen; sie wird von den anderen nicht drangelassen, aber ich bezweifle auch, dass ihre Intelligenz ausreicht um sich einen Platz am Trog zu erkämpfen. Naja, erziehen werde ich sie kaum. Sie werden schon wissen, was sie zum Überleben brauchen. Den einen hilft friedliche Unterwürfigkeit, den anderen hinterhältige Rücksichtslosigkeit. Drei Wochen werde ich es wohl aushalten, mir das täglich anzusehen…

 

11.Januar 2018