Wenn man nicht will, findet man immer genug Ausreden. Ein trauriges Interview mit Inga

Als wir aus der stickigen Metro kommen, spricht ein Bettler Inga an.  Ihn ignorierend, bemerkt sie trocken: „Weil ich so fett bin, meinen die Leute immer, ich wäre reich!“ Langsam schieben wir uns über den Gehweg, bei jedem Schritt schnauft sie. Inga in ihrem wallenden Kleid braucht wirklich Platz für zwei. Doch unabhängig von ihrem körperlichem Umfang: „Люди меня всегда видят. – Ich werde immer gesehen. Würde ich so gehen“, sie zieht ihren Kopf so weit nach vorne, bis ihr riesiges Doppelkinn den gewaltigen Busen berührt, „dann würde ich keinem auffallen und keiner würde mich anquatschen.“ Aber sie, 44 Jahre alt, trage immer den Kopf oben, gehe gerade, in stolzer Körperhaltung: „Auch als ich jünger war, bin ich immer herausgestochen… Я нет типичной грузинской женщины. – Ich bin keine typisch georgische Frau.“

Kennengelernt habe ich Inga bei einer Meditationsrunde in der Nähe der Marjanischvili-Straße. Eigentlich soll ich nun mit Inga Georgisch lernen. Doch wir verstehen uns so gut und verfallen immer wieder ins Russische um uns einfach zu unterhalten. Außerdem ist ihr Unterricht viel zu chaotisch: Ständig greift sie zum Telefon, ruft ihre russischkundige Freundin an, die neben dem Telefon sitzen und auf die Anrufe warten muss, brüllt einige Sätze in den Hörer und legt auf. Meistens weiß sie danach eine plausible Antwort.

 

Woher kommst Du?

. – Ich bin aus Ratscha. – Mein Großvater kam wegen der Arbeit aus den Bergen Ratschas nach Tbilisi, mein Vater ist hier bereits geboren. Meine Mutter stammt aus Sochumi, sie zog wegen der Heirat nach Tbilisi. Ich lebe nun bereits in dritter Generation in Tbilisi, und war nur sehr selten in Ratscha.

 

Hast Du Familie?

Ich habe einen Bruder. Er ist geschieden, hat zwei Kinder. Er ist arbeitslos, wie so viele Männer in seinem Alter, und wartet momentan in Deutschland in irgendeinem Auffanglager in der Pampa auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Ich lebte hier mit ihm und jetzt nur noch mit meiner Tante. Meine Mutter wohnt in unserem Haus in Bolnisi, mein Vater ist gestorben. Unsere Wohnung in Saburtalo [Stadtteil von Tbilisi] vermieten wir.

Mein Mann ist in Ägypten. Ich hoffe, nur noch für eine begrenzte Zeit. Im Juli werden wir uns zwei Jahre nicht gesehen haben, außer per Skype. Wir haben uns in Griechenland kennengelernt, dort auf der ägyptischen Botschaft geheiratet. Er hatte dort zwanzig Jahre gelebt, als Manager bei Rentcar gearbeitet, aber als sie ihm eine gute Arbeit in Ägypten anboten, ging er dorthin zurück. Die Arbeit war doch nicht so gut. Ich begann also für wenig Geld in einem Kindergarten zu arbeiten. Sieben Jahre war ich weg, bevor ich wieder her kam. Weil uns das Geld nicht reichte.

Meinen ersten Mann, einen Georgier, heiratete ich mit 22. Nach drei Jahren liessen wir uns scheiden, freundschaftlich, so was passiert, wenn man als Jugendlicher nicht genug Hirn hat. Heute würde ich auf keinen Fall mehr einen georgischen Freund haben wollen.

 

Was machst Du in Deiner Freizeit?

Ich habe immer freie Zeit. Ich liebe meine Freunde, вот мой хобби, das ist mein Hobby… Schmuck, Sticken, ich lese gern, viel, geistliche Literatur, Krimis, wissenschaftliches, ich spiele alle möglichen Computerspiele, interessiere mich für Religionen.

 

Was bedeutet für Dich Religion?

Ich gehöre keiner Religion an, so was gibt es nicht, weder das Christentum, Buddhismus, den Islam oder sonst was. Религию люди придумали. –  Religionen wurden von Menschen ausgedacht. Worauf es ankommt ist die Spiritualität. Spiritualität, das ist, wenn der Mensch sich in seinem Innern ausbreitet, wenn er sich vom Materialismus entfernt. Hauptsache, man lässt sich vom Materialismus nicht beeindrucken. Материализм мне убивает. – Der Materialismus macht mich fertig. Nach dem Tod bleibt nichts mehr von alldem. Ich versuche zu erkennen, was es nach dem Tod gibt, ich glaube, dass es etwas gibt. Ich weiß nicht genau was sein wird, aber ich habe Vermutungen. Die Menschen sollten nach mehr streben, etwas Höherem, Geistigem, nach dem, was uns zu Menschen macht. Um ein guter Mensch zu sein, braucht man keine Religion. Jede Nation hat ihre eigene Religion, ihren eigenen Gott. Gott kann schwarz sein; ein Schwarzer sagt, dass Jesus schwarz war. Und bei den Hunden wird es den Hundegott geben.

Ich spüre, ich glaube daran, dass man keinen Gott bitten kann, der im Himmel sitzt oder so, nicht durch Beten, sondern durch Meditation kann man dies Höhere erreichen. Man selbst muss es erreichen, das ist der einzige Weg,

Religion spielte hier nicht immer eine so riesige Rolle wie heute, aber doch eine große. So gab es in der Sowjetunion zwar Sachen, die alle befolgen mussten, aber die Menschen hier waren nie so überzeugte Kommunisten wie in Russland. Also waren alle getauft (mein Vater arbeitete im KGB, trotzdem waren wir getauft), jeder ging in die Kirche, auch wenn man nicht alles verstand, zum Beispiel kannte man nicht alle Feiertage. Zu Ostern wurde immer ein ausländischer Film gezeigt, damit das Volk nicht zur Osternacht ginge. Wir gingen trotzdem. Über Generationen wurde diese Kirchentradition weitergegeben, schließlich ist Georgien ein Land, das an Traditionen hängt. In Bergländern halten sich Traditionen immer länger, bis 1996 gab es nur wenige Ausländer.

2004 begann die Hysterie, сейчас уже истерия полная – jetzt ist sie vollkommen.  Jeder rennt zur Beichte, zu seinem „persönlichen“ Ordinarius. Für mich ist das so nicht wahr, die meisten verstehen doch gar nicht worum es geht. Показуха – jeder will sich zeigen! Es gehört sich, in die Kirche zu gehen. Es zählt als richtig. Denn es ist gegen den Kommunismus, also Russland; gegen das Schlechte, also Russland. Aber sobald das Ganze fanatisch wird – schlecht. Wenn dich dein Ordinarius nicht in die Kirche lässt, weil du eine Hose anhast… Wenn man irgendwelche Ikonen anbetet und nicht mal weiß wer das ist, warum sie heilig ist. Es wird mechanisch gebetet. In der Tiefe ist nichts. So ist unser Land: Es ist gerade Mode. Eine angesehene Kirche. Крутой поп! – Toller Papst! Dabei sind sie doch alle gleich. Alles eine Lüge: Die Menschen stehlen und lügen und rennen dann zu ihren Priestern. Man soll Gutes tun, nicht in die Kirche gehen, beten und danach schlechtes tun! Nicht alle sind natürlich so, aber die meisten.

 

Welche Ausbildung hast Du?

Ich habe meinen Abschluss am russisch-georgischen, pädagogischen Institut gemacht, als Philologin. Als solche habe ich nie gearbeitet, die wenigsten arbeiten in dem gelernten Beruf. Es war nur so üblich, einen Uniabschluss zu machen. Ich wollte nicht unbedingt Philologin werden, sondern Biologin, aber das war nicht angesehen. Nach dem Abschluss habe ich alles mögliche gearbeitet, angesehene und weniger angesehene Jobs: Ich habe Kinder gehütet, Opas den Hintern abgewischt, in einem italienischen Büro gearbeitet. Ich habe gut verdient, ich hatte Spaß. Der Kommunismus begann sich zu verabschieden, doch ich habe lieber gearbeitet, als zu Hause zu sitzen und nichts zu essen zu haben. Ich habe mich dessen nicht geschämt. Dann bin ich weggefahren. In Ägypten, in Scharma am Roten Meer, hatte ich vier Jahre einen Kindergarten, die Mütter waren Russinnen, die Väter Ägypter. Als wir nach Kairo zogen, musste ich ihn schließen. Heute bekomme ich manchmal Aufträge für Übersetzungen vom Georgischen ins Russische. Und ich habe einen Job in Aussicht als Verkäuferin in der Nachtschicht, in irgendeinem kleinen Laden in Vake. Das ist hart, aber mir egal, Hauptsache, ich komm hier raus!!

Ich muss irgendetwas machen! In Ägypten hab ich die letzten vier Jahre auch nichts gemacht, aber da war ich in so einer Depression, dass ich das gar nicht merkte.

 

Du hast also einige Auslandserfahrungen gemacht?

Bereits während meiner Jugend bin ich lange im Ausland gewesen: Mein Vater war nach Polen geschickt worden. Ich war dreizehn als wir dorthin zogen, mit sechzehn beendete ich dort die Schule. Mir ging es gut, ich war jung, ein Kind, ich wusste mich zu beschäftigen. Es war zwar während des Kommunismus nicht erlaubt mit Polen Kontakt zu haben, aber uns war das egal. Zusammen sind wir in die Disko gelaufen! Ich wollte nicht weg von dort. Ich dachte, ich komme wieder. Trotzdem bin ich nie wieder zurückgekehrt.

Nach dem Studium wollte ich mit meiner besten Freundin nach Griechenland fahren, es war ihre Idee. Dort muss man nicht viel arbeiten und verdient viel. Wie immer – sie ist nicht gefahren, ich schon. Vor sechzehn Jahren was das. Und dann verfängt man sich im Ausland wie im Schlamm und kann nicht heraus kriechen. Ich war fünf Jahre dort. Mir hat es in Griechenland gefallen, ein schönes Land, ein gutes Land. Dort würde ich wieder leben, ich fühlte mich dort zu Hause – sonst nirgends. Auch die Griechen mochte ich sehr, sie sind lebendiger als die Georgier, und kultivierter. Aber ich kam zu einem schlechten Zeitpunkt. Aus allen postsozialistischen Ländern kamen Immigranten, Rumänen, Albaner. Es kamen viele hungrige und gewissenlose Menschen. Die Griechen konnten keine Ausländer mehr sehen. Von Griechenland aus bin ich nach Ägypten. Dort konnte ich nicht weiterleben, ich war depressiv.

 

Was erhoffst Du Dir vom Leben?

Eine schwierige Frage. In meiner Jugend hatte ich größere Ambitionen mit meinem Leben was anzufangen. Jetzt erwarte ich nichts mehr. Jetzt habe ich so viele finanzielle  Probleme, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich früher erwartet habe… Ich wollte mein Leben zu Hause unter normalen materiellen Umständen, mit meinem Mann, mit meinen Liebsten, Freunden, meiner Familie leben, нормалную жизнь –  ein normales Leben. Jetzt habe ich keine Ambitionen mehr. Ich will nicht in einem anderen Land leben, aber wenn es in deiner Heimat nicht möglich ist normal zu leben, muss man weg. Alle meine damaligen Freunde sind ins Ausland gegangen. Dennoch: Daheim ist Daheim, hier sind die Freunde und die Menschen, die deine Sprache sprechen.

Hätte ich genug Geld, würde ich viel machen: Ein Heim für Kinder und Tiere gründen, das würde ich als allererstes tun. Vielen Freunden und Verwandten helfen. Pflegekinder aufnehmen, das wollte ich immer machen; selbst wenn ich eigene gehabt hätte.

Hätte ich genug Kraft, würde ich auf alles Materielle pfeifen und außerhalb der Stadt wohnen.

 

Was bedeutet für Dich Glück?

Frieden, Gesundheit. Aber absolut glücklich kannst du nie sein. Wenn bei meinen Freunden und meiner Familie alles in Ordnung ist, dann geht es mir auch gut. Wenn es allen um mich herum schlecht geht, wird es mir nicht gut gehen, auch wenn bei mir alles gut ist. In Ägypten habe ich solche Sachen gesehen… ich konnte dort nicht glücklich sein, konnte nicht dort leben.

 

Wie ist Dein Verhältnis zu Georgien?

Ich liebe Georgien, weil es mein Land ist, weil ich hier geboren bin, weil das meine Leute sind, ich liebe die Natur. Люблю всё! – Ich liebe alles! Aber was hier passiert, gefällt mir nicht, alles hat sich geändert. Sehr schlecht! Würde man mich mit meinen Liebsten in ein anderes Land setzen, würde ich nichts groß vermissen. Mir sind nur noch meine Liebsten wichtig. Hätte ich hier nicht meine Tante, Mutter, Bruder und meine beste Freundin, dann würde mich nichts hierhin ziehen. Alles das, was ich liebte, gibt es nicht mehr, nur wegen der Politiker. Ich fühle mich hier nicht mehr so wie damals: Keine Wärme, keine Menschlichkeit.

 

Wie ist Dein Verhältnis zu Tbilisi?

Tbilisi, so wie es jetzt ist, mag ich nicht besonders. Aber ich kenne es auch kaum. So wie es damals war, als ich wegfuhr, war es gut. Klein, alle kannten sich, alle liebten sich. Было уважение – Wertschätzten sich. Wenn du zur Arbeit gingst, liesst du die Fenster offen. Heute wird alles abgesperrt. Die Mentalität hat sich geändert. Heute kennt man keinen mehr, viele sind aus den Dörfern gekommen. Heute hast du Angst zu den Nachbarn zu gehen.  Alle sind ärmer geworden, das beunruhigt mich sehr. Alle gucken einander von oben herab an. Mädchen haben sich damals nicht geprügelt, jetzt schon, wie Männer. Eine Frau war eine Frau und nicht irgendwas Unverständliches.  Die Männer waren anders, sie arbeiteten. Doch mit der Arbeitslosigkeit haben sie ihr Gesicht verloren.

 

Wie siehst Du die Rolle der Frau in Georgien? Wie siehst Du Deine Rolle?

In Georgien habe ich keine Rolle, denn ich habe keine Kinder, keinen georgischen Mann, ich habe kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt; ich habe nichts, um das ich mich kümmern muss. Selbst meine Pflichten als Staatsbürger habe ich nie erfüllt, eine Verräterin bin ich: Hätte ich Kinder, georgische, ja dann hätte ich etwas für Georgien gemacht! Jetzt habe ich zumindest meine Mutter, die mich liebt, und meinen Bruder. Ansonsten bin ich eine Vergessene, die nur kocht und Wäsche wäscht.

 

Warum haben viele Georgier ihre Wohnungen nicht gemütlich eingerichtet?

Manche haben nicht das Bedürfnis nach Verschönerungen: Bilder aufhängen und nachher den Staub abwischen?? Andere haben kein Geld um es sich gemütlich zu machen.

Dort ist mein Zimmer, aber alles darin ist von meiner Tante, da kann ich nichts ändern. Ich habe nur einen Buddha hingestellt. Früher hatte ich bei mir Fotos aufgehängt, Vorhänge… Ich habe nicht verstanden, warum man sich nicht um sein Zuhause kümmert, bis ich in so eine bescheuerte Situation gekommen. Wenn du so viele Probleme hast… Manchmal hab ich eine Woche lang nicht geputzt. Мне было насрать как выглядит дома! – Ich hab drauf geschissen, wie’s bei mir aussieht!

 

 

August 2013