Von Frust und Freude. Marktimpressionen

Es ist noch immer kalt. Hätte ich Lust und Energie gehabt, hätte ich meine Wollmütze aus dem Wintersack hervorgekramt, der in dem riesigen Fach oberhalb der Fahrerkabine versenkt ist. Die gefilzten Wollstulpen habe ich schon an. Es ist Mitte August, aber der kalte Wind lässt meine Füße beim langen Rumstehen zu Eisklumpen werden. Immerhin regnet es nicht. So wie gestern. Die wenigen Besucher blieben mit aufgespanntem Schirm vor dem Pavillon stehen, zu träge um ihn zusammenzuklappen und unsere schönen Produkte näher zu betrachten.

Ich höre den Ruf des Falken und denke: Hier bin ich völlig falsch.

Heute schauen die Marktbesucher zumindest ein wenig. Bis Mittags sind die Senioren pärchenweise unterwegs, nachmittags die Familien. Weder in der einen noch in der anderen Gruppe befindet sich mein Zielklientel. Es ärgert mich, dass die Menschen scheinbar überhaupt kein Verständnis für meine farbenfrohe Kunst haben. Dabei fühle ich mich nicht mal persönlich angegriffen – mir tun meine SchmuckStücke leid! Jeden Tag stehen sie auf dem Präsentiertisch, zeigen sich von ihrer einzigartigsten Seite, strahlen ihre fröhliche Farbenpracht… Es findet sich der ein oder andere Betrachter, der sie bewundert. Aber nicht liebt. Von den meisten werden sie zurückgestellt oder gar völlig missachtet.

Dafür wachsen sie mir umso mehr ans Herz und ich wundere mich über meine Arroganz und das Selbstbewusstsein, mit dem ich meine SchmuckStücke verteidige. Ich kann total verstehen, dass kaum einer so viel Geld für sie ausgeben möchte: Für ein Schälchen, in das gerade drei Erdnüsse passen, hätte ich vor einigen Jahren auch nicht über zwanzig Euro ausgegeben. Aber je größer die Ignoranz der Besucher, desto größer mein Glauben an meine Ketten und Becher. Schönheit und Einzigartigkeit fordern ihren Preis und der lautet momentan: Geduld und Ausdauer.

Trotzdem wächst meine Enttäuschung. Und Frust macht schrecklich müde. Abends falle ich ins Bett, schlafe bis morgens wie ein Stein und kaum zwei Stunden auf dem Markt könnte ich schon wieder ins Schlafkoma fallen. Bis ich nach einigen Tagen der ewigen Müdigkeit überdrüssig bin. Ich beschließe, den Erfolg woanders zu finden. Die Abende mit meinen neuen Kollegen werden immer länger und zwischen unseren Ständen fühle ich mich bald frei und heimisch.

Es gibt weitere Lichtblicke: Ich habe einen Einzelohrring verkauft! Gestern auch schon! Prozentual auf meine Gesamtverkäufe jemals gerechnet laufen die Einzelohrringe mit am besten und auf meine Einnahmen hier gerechnet sind sie der absolute Renner. Und dann kommt die blonde Fahrradfahrerin und verliebt sich! Sie verliebt sich so sehr in meine Schälchen, dass sie zwei Tage später erneut die 45 Kilometer über den Berg radelt, und strahlend mit vier weiteren Gefäßchen heim fährt.

Auch ich verliebe mich ein wenig: In Freunde, die ich unter den Kreativen finde; in meine neue Rolle als Ausstellerin; und wieder mal in die Freiheit, die mir mein Leben bietet.

 

 

August 2018