Vertrauen und Vertrautes Im Alleinsein

Vertrauen und Vertrautes Im Alleinsein

Seit heute morgen bin ich allein. Meine Gastgeber sind für zehn Tage nach Marokko geflogen. Keinen der drei kannte ich vorher. Eine Freundin hat den Kontakt vermittelt. Als ich am Silvestertag gegen Abend hier ankomme, begegne ich ihnen zum ersten Mal. Dennoch, sie überlassen mir kurz darauf ihr Haus und ihr Anwesen für zehn Tage. Sie vertrauen mir ihre fünfundzwanzig Tiere an, und dass ich meine Aufgabe gut erledige und nichts „Böses“ anstelle. Eigentlich hatte ich mir, bis jetzt, über diese Tatsachen kaum Gedanken gemacht. Es ist für mich klar, dass ich im besten Sinne handle. Aber das können die ja nicht wissen!

Schon letztes Jahr hatte ich eine solche Situation. Zwar kannte ich den „Hofherrn“ ein wenig, aber eben nur ein wenig. Nachdem ich eine Woche dort gewesen war, fuhr er mit seiner Familie in den Urlaub. Ich blieb allein auf dem riesigen Hof, hatte freien Zugang zum Haus und den Autoschlüsseln und durfte mich im Gemüsegarten bedienen. Meine einzige Aufgabe bestand darin, den Hühnern täglich Fressen zu geben, sie morgens aus dem Stall rauszulassen und abends wieder einzusperren und ab und an dem Kater Milch zu geben. Dafür lebte ich fast einen Monat in meinem Wohnmobil auf deren Wiese und durfte in einem ehemaligen Schäferwagen meine Werkstatt einrichten.

Auch damals habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, dass es keine allgemeine Selbstverständlichkeit ist, bei jemandem Fremden einfach so ein und aus zu gehen! Letzten Sommer war ich allermeistens draußen, aber jetzt bin ich IN ihrem Haus, benutze deren Töpfe, deren Feuerholz, deren Essensvorräte (so sie bis zu deren Rückkehr vergammeln würden), habe diesmal sogar die Autopapiere zu den Schlüsseln… Das Seltsame ist: Weder meine Gastgeber damals, noch dieses Mal hätte ich, nach nur einer Woche Bekanntschaft, als Fremde bezeichnet!

(Und sie mich scheinbar auch nicht.)

Ich stehe mit einer Tasse Tee unter dem Vordach. Es hat zwei Grad über Null und will einfach nicht kälter werden. Was hatte ich mich auf den Schnee gefreut! Heute ist es neblig. Ich kann fünfzig, vielleicht hundert Meter weit sehen, dann verschwimmen die riesigen Birken und Eschen und Buchen in einem undurchdringlichen, grauen Schleier. „Unsere“ Hütte ist die letzte, zu der die Fahrspur führt. Sie steht erhöht, thront über dem Tal. Weit über die Chodauer Hügel kann man blicken, weit bis hin zum Sedmihoří, dem Siebengebirge (das eher Siebenhügelchen heißen müsste), und dem Švihover Hochland. An klaren Tagen. Heute sieht man nichts.

Ob ich Angst haben würde, so allein, fragten sie mich vor ihrer Abreise. Angst? Hier? Angst muss man vor allem vor Menschen haben, und die gibt es hier nicht. Sezemín soll früher, zu deutschen Zeiten, mal ein ganz ansehnliches Dörfchen gewesen sein, mit einem Laden und einer Wirtsstube. Heute wird es als Weiler bezeichnet und es stehen noch vier Häuser. In einem wohnt ein scheinbar kratzbürstiger Alter mit seiner Frau, der lieber weiterhin in wilder Einsamkeit geblieben wäre. Das zweite Haus ist von außen leuchtend-gelb gestrichen und wird selten, aber regelmäßig, von einem reichen Manager aus Prag besucht. Er kommt in einem großen Jeep angebraust, heizt ein, sieht nach seinen Schafen und fährt wieder. Das dritte Haus steht noch leer. Es gehört einer Tschechin, die 1968 ein Visum für einen Spanienurlaub hatte. Dorthin ist sie damals nicht gefahren, dafür aber nach Deutschland, wo sie geblieben ist. Sie hat geheiratet und sich wieder scheiden lassen, und will nun, da sie in den Ruhestand tritt, wieder in ihre alte Heimat zurückkehren. Das Haus ist ziemlich groß und sie wird mit Holz heizen müssen. Andere Menschen in ihrem Alter ziehen ins Betreute Wohnen. Ja, und in dem vierten Haus wohnen Helena, Adam und Alfík. Früher gehörte die Hütte Helenas Großeltern. Zu ihrer Hochzeit wünschte sie sich den Umzug von Prag hierher. Seitdem ist das Paar am Renovieren und Wiederaufbauen der alten Wirtschaftsräume ihres Ziegenhofes. Sie haben viele Pläne und Ideen. Vor allem aber wollen sie die Produktion und somit den Verkauf ihrer Ziegenmilcherzeugnisse steigern.

Ich bin allein. Allein mit vier herumstreunenden Katzen, sechs Zicklein, einem Ziegenbock und siebzehn Ziegen. Ein Großteil von ihnen wird in wenigen Wochen Nachwuchs bekommen. Manche zum ersten Mal. Ab und zu höre ich eine der Ziegen stampfen, höre den Bach unter mir plätschern, und den Wind, der durch die Bäume streift. Sonst hört man nichts, keinen Meisengesang, kein Krächzen der, unter dem Himmel gleitenden, Krähen. Die Geräusche werden verschluckt – oder verstecken sich auch die Tiere bei diesem Wetter? Ich werde heute wohl keine Erkundungstour durch die unendlichen Wälder machen, die gleich hinter der Hütte beginnen. Es scheint mir, als sei hier zwar das Ende der Zivilisation. Dafür aber der Beginn meiner Welt.

Im Haus sind umso mehr Geräusche. Ich will ein Nickerchen machen, aber ich kann nicht einschlafen. Meine Sinne, vor allem mein Gehörsinn, sind hellwach. Er achtet auf jedes Klopfen, Pfeifen, Zischen, Schlagen, Knirschen, Ticken, Quietschen, Knacken… Kein Radio, kein Fernseher, kein laut geführtes Telefongespräch, kein Lachen meiner neuen Mitbewohner, nichts von dem, was die Geräusche bislang übertönt hat. Es ist aber nicht nur die Stimme der Stille, die mich so wachsam sein lässt. Es ist vor allem die Stimme der Verantwortung. Bislang musste ich mir um die Bedeutung der Geräusche keine Gedanken machen. Jetzt muss ich sie einordnen können. Damit ich beruhigt sein kann, dass alles in Ordnung ist. Dass das Feuer zwar flammenreich prasselt, aber dennoch innerhalb seiner Grenzen; dass der Wind zwar heftig bläst und auch in den Schornstein fährt, aber dass er doch nichts durcheinander wirbeln kann, weder im noch vor dem Haus; dass das Knacken und Gurgeln von der Wasserpumpe kommt und zwar regelmäßig; dass das Klappern nur ein loser Fensterflügel ist; dass das Piepen von der Waschmaschine kommt und das Ende des Waschvorgangs markiert… Ich lerne meine Umgebung kennen. Schon nach einigen Tagen fallen mir die Geräusche nicht mehr auf; ich kann sie zuordnen.

Nachdem ich mehr als eine Woche im Nebel gelebt habe, erstrahlen die Hügel plötzlich im Sonnenschein. Dann fällt das Thermometer endlich unter Null und am nächsten Tag liegt knöchelhoch der Schnee. Er hört nicht auf zu fallen. Nun kommt auch kein Auto mehr hier hoch. Meine Welt ist weiß, klar, strahlend. Und scheinbar vollkommen still. Ich bin allein.

 

7.Januar 2018