Travelling Jewellery. Ein Lebenskonzept entsteht. Email-Tagebuch

Angedacht waren drei Jahre. Drei Jahre, in denen ich in Belfast, Nordirland, einen Bachelor mache in Keramik und Schmuck. Am Schluss war es kaum ein dreiviertel Jahr, das ich auf der Insel verbrachte. Mal wieder kam alles ganz anders, als gedacht. Das war zunächst nicht ganz leicht, aber letztendlich doch sehr gut.

 

  1. Februar 2015

So langsam versteh ich, was die uns bei „Contemporary Applied Arts“ vermitteln wollen. Schade, dass ich mich hier nicht wohlfühle. Denn eigentlich ist es noch immer das, was ich gerne machen würde.

 

  1. Februar 2015

Ich glaube, ich kann noch nicht nach Deutschland zurück!

Es zieht mich so gar nicht dahin!! Stattdessen hab ich jetzt eine neue Version: Ich baue mir im Sommer einen Bus aus, fahre damit im Herbst nach Kilkenny im Süden Irlands, wo dieser erstklassige, zweijährige Goldschmiedekurs angeboten wird, such mir dort einen Bauernhof auf dem ich längerfristig stehen kann und fahr dann jeden Tag mit dem Rad in die Schule und an den Wochenenden irgendwohin raus mit meinem Bus…

Es war wunderschön dort unten. Kilkenny ist nicht groß, aber so lebhaft, vibrierend: Pubs ohne Ende (und schöne!), darin Live Musik, ganz viele kleine Ateliers, schnuckelige Cafes, zwei Theater – ich glaube da geht so viel Kultur wie in ganz Belfast nicht. Die wurde hier eine zeitlang (oder immer noch?) vom Staat sehr stark gefördert. Und die Menschen sind so freundlich! Das beste: Nicht allzu weit sind sogar zwei „Berg“ketten, zum Meer eine Stunde Fahrtzeit, nach Dublin zwei!

Leider konnte ich die Goldschmiedewerkstatt nicht sehen, weil wir zunächst am falschen Ort waren, der zwanzig Minuten Autofahrt von Kilkenny liegt. Dieser „falsche“ Ort hat sich als Handarbeitsschule in einer alten Mühle entpuppt, indem ein zweijähriges Ausbildungs-Programm angeboten wird mit Batiken, Weben, Metallarbeit, Keramik, Malen. Ein Teil des Gebäudes wird vom Craft Council (der auch den Goldschmiedekurs fördert) für einen Keramikkurs genutzt. Wahnsinn! Haben fünfundzwanzig (!) verschiedene Öfen! Alle zwei Jahre fangen zwölf neue Studenten an. Die lernen dort alles von der Picke auf, zusätzlich zu der fundierten Töpferausbildung haben sie Zeichenunterricht und Kurse in Business, Marketing, etc. Es ist sehr strikt und verschult, aber die Sachen, die die nach nur vier Monaten machen – beeindruckend! Und die Studenten sind so freundlich, aufgeschlossen, interessiert! In der Craft School/ Handarbeitsschule waren nur ein fünftel Iren – die anderen kamen aus ganz Europa, im Alter von Mitte zwanzig bis sechzig.

Oh Mann… ich fühlte mich wie in einer anderen Welt an dieser urigen Mühle. Das, was ich gesucht habe. Vermisse die Freiburger Alternativo-Szene schon. Diese Offenheit, Freude an der Arbeit, die wunderbare Natur und der Gedanke an die Freiheit und das Landleben, wenn ich tatsächlich beschließen sollte im Bus zu leben – — ich schwebe!!!! Ein Auto würde da unten eh Sinn machen. Dann könnte ich endlich die Insel in Ruhe erkunden und könnte auch zwischen der Mühle und deren Abendkursen und meiner Goldschmiede-Schule hin- und herpendeln.

Von der FH Düsseldorf habe ich das Thema für meine „Hausaufgabe“ für die Aufnahmeprüfung bekommen. Aber soll ich mir die Arbeit überhaupt machen? Momentan bin ich genauso überzeugt davon, dass ich nicht nach Deutschland will, wie ich vor einem Monat noch davon überzeugt war, dass ich nur dorthin zurück will. Jetzt glaube ich, ein Design-Kurs wie in Düsseldorf hat noch Zeit. Ich will und muss erst die technischen Grundlagen lernen. Wie kann ich denn sonst was tolles designen?

Kilkenny… mit der Aussicht meinen Bustraum wahrmachen zu können! :):):):):) Am liebsten würd ich sofort loslegen! Wir hatten halt auch super Wetter! Und die Hügelchen da! Und sogar bissl Wald gibt es! Und so viele süße Flüßchen! Es ist nicht Georgien, aber für so ein zivilisiertes Land wie Irland wirklich wunderschön!!!!

 

  1. Februar 2015

Ein externer Lehrer, der nur einmal die Woche zu uns kommt und der selbst vor vielen Jahren den Kurs in Kilkenny gemacht hat, will mir helfen in den Kurs zu kommen! Ich fühle mich nun voll entspannt. Und find es lustig mich mit Sägeübungen und ähnlichem auf das Interview vorzubereiten. Oh Mann, das muss einfach klappen!!

Mein Brosche-Projekt nimmt langsam immer konkretere Formen an, ich glaub, ich weiß nun was ich machen will und es dürfte ziemlich „cool“ werden!!!

 

  1. März 2015

Oh je, mein Sommer ist zu kurz!!! Ich will voll gerne meine georgische Freundin irgendwo in den Bergen Griechenlands besuchen, wo sie und ihr Partner in einem Ashram arbeiten. Da hab ich mir überlegt mit dem Boot nach Izmir überzusetzen und dann wäre es eigentlich voll schön noch mal einen Trip durch die Türkei zu machen, aber ich wäre schon auch gerne mindestens zwei bis drei Wochen in Georgien und im Juli habe ich dort bereits ein Wanderdate.  Das ganze zur Urlaubshochsaison und während der heißesten Sommermonate im Süden. Ich geh ja ein! Und dann muss ich ja schon wieder nach Deutschland zurück wegen lauter Familienterminen.

Meine Brosche gedeiht, ihr werdet staunen, was daraus geworden ist! 🙂 Sehr contemporary. 🙂

 

  1. März 2015

Insgesamt siehts grad wieder mal ziemlich düster aus.

Kilkenny… Natürlich HAB ich eine Chance, aber die ist recht gering. Ich müsste mich dringend um eine 1a mit Stern-Mappe kümmern, aber ich kann mich grad auf gar nichts konzentrieren.

 

  1. April 2015

Kurzer Heimaturlaub. Den kleinen Handkoffer, in dem ich bei dem Kilkenny-Interview meine Schmuckstücke präsentieren will, und den ich gebraucht im Internet ersteigerte, hab ich noch kurz vor meinem Rückflug gekriegt. War sehr aufregend! Denn wir konnten ihn zunächst nicht öffnen. Meine kleine Nichte war ganz entrüstet: Ein niegelnagelneuer Koffer und jetzt hat der keinen Schlüssel dabei und wir kriegen ihn nicht auf! Sie nahm die Sache bzw. den Koffer in die Hand und lief zu ihrem Papa. Der begann gleich im Internet zu recherchieren, mit der kräftigen Unterstützung aller Kinder, die es einfach nicht fassen konnten!! Letztendlich stellte sich heraus, dass der Koffer einen uralten, uns allen eigentlich wohl bekannten Mechanismus hat – und schwupp war er offen!! Ohne Schlüssel.

Er ist genauso wie ich ihn mir gewünscht hatte. Achtzehn Euro sind zwar überteuert, aber wahrscheinlich zahl ich auch für die nagelneuen Holzwürmer mit. 🙂

 

  1. April 2015

Warum bin ich nie auf die Idee gekommen bin Wildnis-/ Naturpädagogik zu machen? Ich hatte doch genug Leute um mich herum, die sowas oder ähnliches studierten…. Ich frage mich, ob ich mich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen sollte. Andererseits, mir macht das Goldschmieden, Töpfern, Kunst machen, Zeichnen, Emaillieren und die theoretische Auseinandersetzung damit wirklichwirklich Spaß! Ich glaube nicht, dass ich damit falsch liege. Vielleicht muss ich zweigleisig fahren? Oder es würde mir schon reichen meine Open-Air-Werkstatt zu haben?

Jedenfalls habe ich beschlossen, dass ich endlich so leben muss, wie ich es wirklich will. Das heißt, raus aus der Stadt. Und wenn ich jetzt in einem Campervan wohnen will, muss ich es JETZT machen. Nicht, wie Tantchen meinte, warten bis ich älter und „sesshaft“ bin, und mir dann einen richtigen Bus ausbauen, in dem ich dann geräumig leben könne. Was ist, wenn ich nicht viel älter werde? Dann hab ich nie im Bus gelebt… Und vielleicht reicht es mir bereits nach einem halben Jahr, aber dann hab ich es zumindest probiert.

 

  1. April 2015

Ich hatte vorhin die Idee, dass ich ja auf meinen Reisen Kultur- und Kunstzentren ansprechen und dort Vorträge à la „Goldschmiede- und Emaillekünstlerin mit Werkbank auf Reisen“ halten könnte. Auf Spendenbasis. Statt CDs verkauf ich im Anschluss Schmuckstücke. Oh, das wird alles spannend. Ich freu mich drauf! 🙂 Vielleicht kann ich dann auch tatsächlich mit (kunstwissenschaftlich orientierten) Reiseberichten endlich meine Schreiberlaufbahn beginnen…

Zwischendrin war ich versessen darauf, mit grandiosen Innovationen Ruhm in der Schmuckwelt zu erreichen. Wird im Studium ja versucht, einem das als erstrebenswert aufzudrängen. Krass wahnsinnige Neuerungen werde ich aber nicht erzielen, ganz ehrlich. Und auf diesen ganzen Elite-und Wettkampf-Quatsch hab ich sowieso keine Lust.

Klar will ich, dass sich Leute meine Vorträge anhören, dass ich meinen Schmuck verkaufen kann, Schüler für Workshops habe und mein Buch (eines möchte ich sehr gerne publizieren, da hab ich schon recht konkrete Ideen) verkauft wird. Aber ich muss damit nicht die Mordskohle machen und keinen Weltruhm erlangen. Einfach ein wenig Anerkennung, so wie sie halt jeder in seinem Beruf bekommen möchte.

Das ist mir nach dem Kilkenny-Interview umso klarer geworden. Ich will hochqualifizierte Sachen machen. Aber nicht, indem ich mich jahrelang in einem Studio einschließe, nichts anderes mache als Silber zu sägen und zu schleifen und keinen Sonnenstrahl mehr abbekomme.

Und gerade mit diesem Beruf KANN ich doch so einfach durch die Weltgeschichte gondeln, und so vielfältig!