Tag und Nacht und Tag. Mit dem Zug quer durch die Ukraine

Tag und Nacht und Tag. Mit dem Zug quer durch die Ukraine

Die Berge haben wir bereits lange hinter uns gelassen. Es geht zurück in die große Stadt, weit im Osten, Dnipropetrowsk.  Dort lebt Leila. Den ersten Teil der Strecke, die „nur“ sechs Stunden dauerte, haben wir bereits hinter uns. Wir sind wieder in Lviv. Dort essen wir mit Oksana zu Abend und um 1.19 Uhr beginnt unsere Zugfahrt. Fast neunzehn Stunden in einem Zug mit mindestens fünfzehn Waggons liegen vor uns. Die Nacht ist kalt. Der Bahnsteig ist voller Menschen. Sie schleppen sich mit schweren, überdimensionierten Taschen ab, mehr als sie Hände haben. Dazu zerren sie müde Kinder hinter sich her. Trotz des regen Treibens ist die Stimmung schläfrig. Die Zug- bzw. Waggonbegleiter stehen eingemummelt in dunkelblauen Mantel und mit Schirmmütze am Eingang zu ihrem Waggon. Ein Lächeln von ihnen muss man sich verdienen. Wie, das habe ich bislang noch immer nicht herausfinden können. Unsere Sitz- und Liegebänke finden wir schnell. Wir haben Glück, sie sind nicht übereinander längs am Gang, wie erwartet, sondern sich der untersten Ebene gegenüber. Der Herr, der sich auf meiner Bank bereits eingerichtet hatte, räumt schnell das Feld und verstaut seine Sachen eins drüber. Er scheint hilfsbereit, gibt uns Ratschläge wo und wie wir unser Gepäck am besten verstauen. Mir zeigt er bereits ein wenig zu viel Fürsorge. Er spricht Russisch mit dem unüberhörbaren „h“, kommt also aus dem Osten der Ukraine. Er erklärt uns ungefragt, dass es ihm egal sei ob er Russisch oder Ukrainisch spreche. Dennoch redet er mit der Ukrainisch sprechenden Studentin, die kurz darauf zu unserer Vierergruppe stößt, ausschließlich auf Russisch. Höflich geht er aus dem Weg, damit wir uns einrichten können. Doch ganz unvermittelt unterbricht er unser Gespräch – er habe gelauscht und sich gefragt, welche Sprache wir sprechen. Wie schön Deutsch doch klinge! Er zieht sich wieder zurück, nur um uns kurz darauf erneut zu unterbrechen – „Девушки – Mädchen!“ Die Studentin hat er ebenfalls bereits mehrfach angequatscht, obwohl offensichtlich ist, dass sie sich einfach nur hinlegen, an ihren Freund denken, der sie mit einem leidenschaftlichen Kuss verabschiedet hat, und schlafen will. Wieder ruft der Mann zu uns rüber: „Девушки! – He! Johoo!“ Wir reagieren nicht mehr. Warum meinen so viele Männer immer, dass sie unwiderstehlich seien? Als hätten wir nur darauf gewartet, mit diesem älteren Mann, der offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern ist, die ganze Nacht durchzumachen; ein Vorschlag, den er der Studentin unterbreitet hatte… Wir warten auf unsere Bettwäsche, dann wollen auch wir schlafen.

Ich kann schlecht einschlafen. Es ist viel zu heiß, trotzdem ich mich bereits nur mit dem Leintuch zudecke. Und obwohl der Wagen schaukelt, wie eine Wiege, manchmal etwas hüpft. Das Rattern der Räder auf den Eisenbahnschienen, das gleichförmige Rauschen. Das Vorbeihuschen der Lichter, eher selten. Das schummrige Licht im Flur, die friedliche Stimmung einer schlafenden Welt. Von einem kurzen Schrei wache ich plötzlich auf. Der Mann hockt auf dem Tisch zwischen den Schlafliegen, oder hängt er? Die Studentin über mir hält ihn an der Hand und spricht beruhigend, aber bestimmt auf ihn ein. Er hockt, oder hängt, eine Weile da, sich nicht rührend, als müsse er zur Besinnung kommen. Dann krabbelt er runter, setzt sich zu Leila aufs Bett. Die schreit auf: „Das ist mein Bett, gehen Sie weg!“ Daraufhin beugt er sich nahe zu ihr hinunter und haucht undeutliche Worte mitten in ihr Gesicht. Dann hievt er sich hoch, sich mit einer Hand auf ihrem Bett abstützend, eine Hand plötzlich auf meiner Liege. Ich höre wie sie zu ihm sagt: „Hey, da oben ist Ihr Bett!“ (Scheinbar wollte er sich zu mir legen, wie sie mir später erzählt.) Irgendwie schafft er es nach oben. Den Rest der Nacht wache ich immer wieder auf, in Angst, dass der Mann plötzlich (wieder) hinunter fliegt. Doch von da an verhält er sich ruhig. Der Morgen beginnt, und außer ein paar Telefonaten, die er mit seiner Liebsten (?) führt, höre ich ihn nicht ein einziges Mal mehr sprechen.

Die Nacht ist vorbei, einige hundert Kilometer liegen, unbemerkt gefahren, hinter uns. Nun erstreckt sich die Weite der Landschaft bis zum Horizont im Irgendwo. Leute steigen aus, Leute steigen ein. Alle sind sehr ruhig. Machen Kreuzworträtsel, schauen zum Fenster hinaus, telefonieren leise, schlafen. Gemütlich. Die meisten Reisenden haben ihre Jogginghose angezogen und bequeme Latschen. Wir frühstücken. Leila schläft wieder, ich stricke und höre Musik. Langsam füllt sich das Abteil. Essensgerüche breiten sich aus, Gespräche werden lauter, persönliche Lieblingslieder werden der Öffentlichkeit preisgegeben, Kinder mit Unterhaltungsprogramm per Smartphone versucht „ruhig“ zu stellen. Kopfhörer scheint keiner zu haben. Wir bestellen schwarzen Tee beim Zugbegleiter, essen kleine Törtchen dazu. Die Luft in unserem Waggon wird immer schlechter. Wir überlegen, den Tee auf dem Dach des Zuges einzunehmen. Oder für ein bisschen Frischluft mal nebenher zu rennen. Oder doch eher zu spazieren, man kann die Schritttempophasen ja abpassen. Frischluft und ein bisschen Kühle erhält man nur auf der Toilette, die noch einen direkten Ausgang nach Draußen hat. Wir fahren nach Osten, noch weitere sechs Stunden. Die Sonne hat begonnen zu scheinen und strahlt direkt durch unser Fenster. Mir ist unglaublich heiß. Vor zwei Tagen standen wir im eisigen Wind im Schnee und konnten gar nicht genug Klamotten anziehen. Jetzt sind sie alle in den Rucksack gestopft, und mehr kann ich nicht mehr ausziehen. Mir ist es schon egal, dass ich grade keinen BH anhabe und nicht rasiert bin, in diesem Land kommt mir das eher unüblich vor. Meine Finger sind von der Hitze bereits geschwollen. Alles beginnt zu kleben, mein Kopf wird langsam schwer; die Gedanken bewegen sich im Schneckentempo. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, wir schmoren in unserem Fett, und dem aller anderen. Die einzige Möglichkeit scheint mir eine Sitzposition zu finden, in der ich mich längere Zeit ohne Bewegung aufhalten kann.

Leila schläft wieder, ich schreibe und höre noch immer Musik. Die Landschaft zieht vorbei. Eintönige Ebenen. Noch alles im grau-braunen Winterkleid. Birken- und Buchenhaine. Böschungen voller Müll. Mehr Dörfer mit bunten Holzhäusern. Überreste von Heuhaufen in der Mitte des Gartens. Klohäuschen. Gebückte alte Frauen mit Kopftüchern. Hühner, die im Garten herumlaufen. Fabrikruinen. Kurzer Halt in einem Bahnhof. Hier kann ich endlich die Beschriftung der schier kilometerlangen Güterzüge lesen, die in vielen Bahnhöfen Pause machen. Sie besitzen ein Fassungsvermögen von 127m3 und gebieten eine gewisse Ehrfurcht. Oder eher Unwohlsein? Bilder aus Geschichtsbüchern erscheinen vor meinem inneren Auge. Die Schiebetüren der etwa zwölf Meter langen Waggons sind grau gestrichen, darauf steht: для тарных пакетированных и продовольственных нескоропортящися грузов – für abgepackte, nicht schnell verderbliche Lebensmittelgüter…

Um 19.50 Uhr erreichen wir Dnipropetrovsk. Es wird schon wieder dunkel.

März 2017