Schleifen, Schmerzen, SchmuckStücke. Eine Art Ode

Ich habe nur wenige Tage, doch in diesen muß ich viel schaffen. Am Samstag beginnt mein erster Markt. Dieser erste Markt dauert acht Tage! Vielleicht werde ich nichts verkaufen. Vielleicht doch. Theoretisch können in acht Tagen eine Menge Menschen etwas kaufen. Meine Verkaufserwartungen sind hoch und ich möchte ungern bereits am zweiten Tag nur noch zwei Becher und eine Kette ausstellen können. Also produziere ich. Becher. Schmuck habe ich genug.

Als Werkstatt hat mir meine Mutter eine Hälfte ihrer Garage zur Verfügung gestellt. Der Sperrmüll wurde entsorgt, die mit Gartengeräten, Farben, Zelten, Lampen, Tüten und anderem, kleineren und größeren Kram vollgestopften Regale sortiert und teilweise frei geräumt, die Fahrräder in den Hausflur umgeparkt. Auf dem Stapel meiner Winterautoreifen sowie auf sämtlichen Umzugskisten, in denen bislang meine Keramikutensilien ordentlich verstaut gewesen waren, verteile ich Bretter, als Ablage- und Arbeitsfläche. Ein dickes Fichtenbrett, das fast Biertischgröße hat, lege ich auf Böcke: Mein Arbeitstisch. Darunter schiebe ich die Eimer mit dem verschiedenfarbigen Porzellan und Kisten, die ich gerade nicht brauche. Meine Schwester hilft mir, meinen kleinen Ofen in Reichweite einer Steckdose zu hieven. Es kann losgehen.

Zum ersten Mal arbeite ich mit Gipsformen. Als ich im Winter auf dem Künstlergut Prösitz war, drehte ich auf einer uralten, riesigen, schwerfällig dröhnenden und fußbetriebenen Drehschreibe einfache Becher, von denen ich Gipsformen machte. Im Frühsommer fand ich im Küchenschrank der Kunsthalle Below winzige Porzellanteetässchen. Diese formte ich mit Ton ab und machte auch daraus Gipsformen. So besitze ich nun meine ersten Gießformen und wenngleich die meisten zu voluminös und schwer sind, manche etwas porös, so funktionieren sie doch viel besser als befürchtet, sogar richtig gut! Die Harmonie gleicher Formen (denn Farb- und Mustergebung sind auch beim gegossenen Becher völlig einzigartig) empfinde ich als etwas Faszinierend-Beruhigendes. Dennoch sind Gießformen halt Gießformen und dieses Verfahren der (relativ leichten) Massenproduktion allein befriedigt mich nicht. Ich baue weiterhin Becher aus gegossenen Platten – die ungleichen Formen machen sie für mich viel lebendiger.

Egal ob gießen und bauen oder nur gießen – jedes Stück muss geschliffen werden. So sitze ich Stunde um Stunde und schleife. Meine Hände sind steif von der ungewohnten Anstrengung der immergleichen Haltung. Mein rechter Daumen ist wund, da er die noch rauhe Gefäßkante umklammern muss. Mein Nacken schmerzt vom konzentrierten Hinabsehen. Meine Sitzhöcker tun weh von den kühlen, aber harten Steinfliesen, auf denen ich sitze. Im Bauch habe ich Muskelkater. Die Muskulatur des rechten Oberarms zeigt sich immer deutlicher. Fünf bis sieben Stunden am Tag sitze ich und schleife, sitze ich und schleife, sitze ich und schleife. Inzwischen arbeite ich mit Mundschutz. Der feine Staub kriecht bis hinter die Ohren, setzt sich in den Poren meiner Haut ab, die trocken und rissig davon wird, macht die Haare spröde. Um mich herum bildet sich ein Kreis mit weißem Puder, der sich in alle Unebenheiten des Bodens absenkt. Wenn ich mal aufstehe, verraten weiße Fußtapser meine Wege. Ich schleife und schleife. So wie ich die Gipsformen der sengenden Sonne hinterherwandern lasse, damit sie bis zum nächsten Tag durchgetrocknet und einsatzbereit sind, so wandere ich stundenlang dem Schatten hinterher. Bei über 30°C im Schatten und ohne Wind vermischen sich Staub und Schweiß.

Denken tue ich an nichts. Ich vergesse Hunger und Durst, meistens auch die Schmerzen. Meine ganze Konzentration gilt dem jeweiligen Gefäß. Es mag zum fünfzigsten Mal ein Becher sein, zum zehnten Mal dieselbe Form – doch jedes Mal freue ich mich aufs Neue voller Gespanntheit auf die Farben, die ich zum Vorschein bringen werde, und auf das Muster, das sich mir eröffnen wird. Jeder Becher hat ein anderes und ich plane es nie, sondern lasse es entstehen, so wie es die Farbschichten und die Form des Gefäßes erlauben. Doch muss ich wachsam sein, dass ich den zarten Becher nicht zu sehr drücke und breche, dass ich vor lauter Eifer kein Loch hineinschleife. Wie glatt, wie weich wird das Porzellan beim Schleifen! Wie warm liegt der Becher in meiner Hand!

Dann warte ich voll nervöser Vorfreude auf das gebrannte Endprodukt. In dem Moment, da ich die Ofenklappe mit einem winzigen bangen Bauchkrampf öffne, kommt Magie vorbeigeflattert und – – vor mir erstrahlt ein Farbspiel!

Jeder einzelne Becher ist eine Überraschung. Ein Geschenk. Ein SchmuckStück.

 

 

August 2018