Lichtmaschine kaputt oder Der Döner-Mann erzählt

Die letzten Tage meines Aufenthalts im Böhmerwald… Die Abfahrt rückt näher – und es beginnt zu schneien! All die Wochen habe ich auf den Schnee gewartet und nun kommt er, der Schnee, eine Woche vor meiner Abfahrt. Es schneit Tag und Nacht, die Schneedecke steigt Zentimeter um Zentimeter. So recht kann ich es nicht genießen, denn jeder Zentimeter mehr bedeutet: Es wird immer schwieriger von dem sehr abseits gelegenen Hof wieder wegzukommen; die holprige und enge Zufahrtsstraße wird nur ab und zu, und dann sehr schlecht, geräumt. Ich bin hin und hergerissen: Eingeschneit sein ist ziemlich urig, geradezu romantisch! Doch was ist, wenn das Wetter wirklich den nächsten Monat, die nächsten zwei, drei Monate so bleibt? Puh, dann wird es eng hier… Außerdem will ich doch unbedingt am Donnerstag zu dem Wintercamp fahren! 

Dann, von einem Tag auf den nächsten, steigt das Thermometer, Grad um Grad, über die Null, fünf Grad, acht Grad. Es beginnt zu Tauen. Es taut was das Zeug hält, und die Straßenverhältnisse werden ganz und gar fürchterlich! Ohne Schneeketten bin ich hier gänzlich aufgeschmissen! Verdammt, und meine Gastgeberin hatte sie mir noch geraten! Ich schlafe unruhig, schaue jeden Morgen mit Bangen nach der Schneematschsituation. Die Schuhe sind schon durchweicht, wenn man nur einen Fuß vor die Türe setzt. Und doch ist die plötzliche Wärme meine Hoffnung. Vielleicht schafft es das Tauwetter mir bis Donnerstag die Straße freizumachen?

Es schafft es.

 

Beim zweiten Versuch springt der lange stillgestandene Motor an, es rattert, knattert, pufft und stinkt kurz, dann ist alles gut. Den ersten Gang kann ich nicht einlegen; ich bin das gewohnt, das geht im Winter nie. Ich fahre los, den matschigen, leicht rutschigen Weg hinunter, kein Problem und im Tal, dort wo es noch hätte brenzlig werden können, ist die Straße doch tatsächlich fast frei! Ich atme auf und freue mich auf die Fahrt. Die Landschaft ist schön, versunken im weißen Schnee, die Sonne blitzt nach vielen Tagen wieder. Die schmale Landstraße führt durch die kleinen Dörfer, schlängelt sich leichte Hügel hinab und hinauf. Ich schalte die Musik ein und merke, dass ich einen Gang runterschalten muss. Seltsam, so steil ist es hier nun auch wieder nicht. Noch einen Gang hinunter, nun fahre ich im zweiten. Der Bus wird immer langsamer, ich bin geistesgegenwärtig genug ihn an den rechten Fahrbahnrand zu steuern. Bevor ich mich wirklich wundern kann, bleibt er stehen. Ich bin fassungslos. Selbst meine allwissende Mutter kann mir jetzt nicht helfen und dann kriege ich einen Schreikrampf. Hören tut mich hier niemand und es ist mir sowieso egal. Langsam beruhige ich mich. Die Sonne scheint endlich, das heißt es ist warm. Mein „Stellplatz“ bietet eine wunderbare Aussicht in die schneebedeckte, sonnenüberflutete Landschaft. Die Straße ist so wenig befahren, dass man fast schon von Idylle sprechen kann. Kann man einen besseren Platz zum Stehenbleiben finden? Ich lache voller Freude, was hab ich immer ein Glück! Dann fällt mir Jarda ein, ein Freund meines Gastgebers, der zufällig – Automechaniker ist. Doch Jarda ist in der Arbeit und vor sechs Uhr abends wird er nicht zu Hause beziehungsweise bei mir sein. Seine telefonische Ferndiagnose lautet: „Lichtmaschine kaputt.“ Er sagt das Wort Lichtmaschine auf Deutsch – verstehen tu ich ihn trotzdem nicht. Licht geht doch! Er gibt mir die Nummer einer KfZ-Werkstatt in Domažlice, etwa vierzig Kilometer entfernt. Ich bedanke mich. Das ist doch alles Mist! Heute Abend will ich beim Wintertreffen in Nordbayern sein, inmitten des Schnees im Badezuber sitzen!! Ich will nicht noch eine Nacht hier verbringen, und wer weiß ob es mit einer Nacht getan ist? Mann, vierzig Kilometer sind es auch bis nach Deutschland – Ich will nach Deutschland! Da ist alles einfach, für alles gibt es Lösungsstrukturen, da wird sich also alles regeln, gelobt sei die deutsche Ordnung und Ordentlichkeit! Vierzig Kilometer, das würde ich ja zu Fuß irgendwie so schaffen…

 

Da kommt mir eine Idee: Ich rufe den ADAC an! Wozu ist man schon ordentlich zahlendes Mitglied in einem ordentlich organisierten Verein!? Mit einer halben Stunde Verspätung ist insgesamt drei Stunden später Herr Lindner aus Waidhaus da. Schon von weitem leuchtet das gelbe ADAC-Pannenfahrzeug wie ein rettender Stern. Er begrüßt mich: „Jo, hia song si Hund un Katz guad Nacht!“ Ja, viel mehr als zehn Autos sind in den letzten drei Stunden nicht vorbeigekommen. Dann will er wissen, auf mein großstädtisches Regensburger Autokennzeichen Bezug nehmend: „Wie kommn Sie na hierhea? So aus dea Stadt!?“ Ganz kann ich den Zusammenhang nicht verstehen, wieso soll man nicht in der Pampa unterwegs sein, wenn man in einer Stadt wohnt? Aber egal, ich zucke grinsend mit den Achseln, tja, passiert halt, was soll ich dem Mann erzählen? Die Lichtmaschine ist kaputt, beziehungsweise der Keilriemen gerissen (oder umgekehrt), das heißt, die Batterie wird nicht mehr gespeist, ich hab den Rest durchs Fahren aufgebraucht und als die Batterie leer war, bin ich stehen geblieben. So oder so ähnlich. Jedenfalls baut er mir eine frisch aufgeladene Batterie ein. Ich muss allen stromfressenden Schnickschnack ausschalten, auch die Heizung (nach drei Stunden rumstehen ist mir eigentlich kühl geworden) und den Blinker – ich könne ja selbst einschätzen, wann er wirklich nötig sei. Wir fahren los. Zunächst geht es gut. Dann wird irgendetwas wieder nicht mehr so gespeist wie es dies tun sollte und ich fahre die Steigungen mit zehn, fünfzehn KmH im ersten Gang hinauf. Oh, das tut weh! Der KfZ-Experte springt kurz bei mir vorbei und spricht mir Mut zu: „Imma weida, wia foahn so weid wie wia komma!“ Das sei der letzte Berg, danach gehe es nur noch „obi“… Auf seinen letzten Berg folgen schier unzählige Hügel, bei der geringsten Steigung fängt mein Herz wild an zu klopfen. Ich überlege, ob mein Bus, mein mobiles Luxustarp, nicht doch eine Seele hat? Aus lauter Mitleid kann ich nicht mal die wunderschöne, wirklich sehr verlassene Gegend genießen, überquere die Grenze ohne es wirklich wahrzunehmen (und Grenzüberquerungen haben für mich selbst bis heute etwas aufregendes) und beginne statt dessen sowas wie beten.

 

Nach fast einer Stunde Fahrt kommen wir in der Werkstatt in Waidhaus an. Etwa eine Stunde hätte ich Zeit, bis die Karre wieder startklar ist. Es ist inzwischen später Nachmittag und ich muss dringend was essen und dringend an einen warmen Ort. Waidhaus – so ein vertrauter Klang in meinen Ohren, es ist einer der größten Grenzübergänge. Das war einmal. Vielleicht ist es direkt an der Grenze immer noch sehr rege, definitiv nicht in der Innen“stadt“. Wo sind die Menschen? Wo ist ein Café? Ein gemütliches suche ich ja schon gar nicht! Ich finde ein Café-Restaurant-Kneipe. Dort kann man auch seine Pakete aufgeben. Oder ist es ein Schreibwarengeschäft mit Poststelle und Ausschank? Jedenfalls befindet sich alles in einem riesigen Raum: Links Briefmarken, rechts Bier. Ich setze mich an einen Tisch am Fenster, weitest entfernt von der Theke, an der zwei Männer fortgeschrittenen Alters mit der sehr jungen Bedienung, Agnes, schäkern. Zum Glück verstehe ich deren „Sprache“ nicht. Nicht ein Wort. Ich ziehe keine meiner Jacken aus, obwohl der Raum überhitzt ist. Nachdem ich meinen Latte Macchiato getrunken habe, lege ich den Kopf auf die Arme und versuche auszuruhen, ich bin fix und fertig. Wie früher in der Schule – damals habe ich immer behauptet, in dieser Haltung könne ich mich besser konzentrieren. Ganz besonders geholfen hat dies im Reli-Unterricht, wenn wir uns im abgedunkelten Video-Raum Filme zu absolut spannenden Themen ansahen. Die Hälfte der riesigen Portion Tortellini nehme ich mit. Aufgewärmt und gesättigt, bin ich wieder vergnügt. Ich freue mich auf das abendliche Bier im Badezuber und über dieses kleine Abenteuer. Zu zweit wäre es ein geradezu lustiger Nachmittag gewesen, aber auch so ist es im Grunde doch unterhaltsam! Immerhin, da habe ich wieder eine neue Geschichte, super!

 

Zurück in der Auto-Werkstatt werde ich zunächst ignoriert, dann schlägt mir Herr Lindner vor, im Imbiss um die Ecke zu warten. Zuerst mache ich einige Anrufe, und als er nach einer dreiviertel Stunde immer noch nicht gekommen ist, habe ich keine Lust mehr in der Kälte zu telefonieren und beschliesse, mich doch in die Imbissbude zu hocken. Ich nippel an meiner Cola und beobachte das Ehepaar, er, dürr, noch in seinen verstaubten Maurerklamotten, sie, übergewichtig mit extremst hautenger Stretchjeans und dünnen, schwarz-lila gefärbten Haaren. Die beiden warten aufs Abendessen: Fünf Döner für sich und die drei Kinder. Der Döner-Mann läßt sich Zeit. In jedem Fenster blinkt eine Lichterkette, blau, grün, rot, gelb. Der Maurer sagt zu ihm: „Also wenn wir die Zimmer fertig renoviert haben, sag ich Dir Bescheid!“ Der Döner-Mann antwortet: „Ja, brauch nicht viel. Bin ja allein. Und ab neun stehe ich hier, bis etwa elf… Das einzige, was wirklich wichtig ist, ist Badezimmer! Wenn ich ganzen Tag hier stehe, mit Frittierfett und Dönerfleisch, muss ich abends duschen und Kleider waschen.“

Ein junges Pärchen kommt herein. Ihre langen braunen Haare scheinen frisch gewaschen, sie streicht sie immer wieder mit ihren aufgeklebten, kunstvoll dekorierten Fingernägeln hinter ihr Ohr. Ihre Jeans ist mindestens so eng, wie die der anderen Frau, aber verdammt, hätte ich solche Beine, ich würde überhaupt keine Hose anziehen! Überhaupt, wäre da nicht dieser süßliche Duft, den sie verströmt, sie könnte da noch eine Weile zum Angeschautwerden rumstehen! Ihr Typ hat das Basecap verkehrt herum auf dem blonden Schopf, das unterstreicht seine rundlich-roten Wangen; ein bisschen sieht er wie die Babys in Breiwerbungen aus, hübsch. Die Hose sitzt tief, wenn er die Hände mit dem silbernen Panzerkettchen am Gelenk noch tiefer in die Hosentaschen steckt, rutscht sie bestimmt ganz runter. Aus einer Hosentasche fischt er einen Fünf-Euro-Schein. Den steckt er in den Geldschlitz eines Spielautomaten, der, ebenfalls bunt blinkend, in einer Ecke steht. Sie kommentiert grinsend: „Hab ich’s doch gewusst!“ Er drückt ab und zu einen Knopf, was jedes Mal ein anderes Geräusch hervorruft, die Kreise auf dem hell erleuchteten Bildschirm scheinen sich zu ändern. Ich bin konzentriert bei der Sache, aber ich kann die Spielregeln nicht begreifen. Irgendwann wendet er sich von dem Gerät ab und meint: „Nix war’s!“ Wie viele Fünf-Euro-Scheine hat er wohl auf diese Weise investiert? Nachdem beide Paare gegangen sind, bietet mir der Döner-Mann einen Kaffee an, doch es ist nun schon 19Uhr und mir für Kaffee echt zu spät. Er geht mit seiner Kaffeetasse und einer Zigarette vor die Tür.

 

Nun sitze ich allein in dieser Imbissbude in Waidhaus, die Papiertischdecke auf den Bierbänken ist geziert mit Fettaugen. Ich bin froh, dass ich in mehr oder weniger absehbarer Zeit diesen Ort verlassen kann. Welch trostloser Fleck. Direkt neben der Tankstelle, zwei Kilometer von der Autobahn entfernt, ein Ort, der vom Grenzverkehr lebt. Ich kann gar nicht genau ausmachen, worin für mich die Trostlosigkeit besteht, vielleicht ist sie auch meiner Müdigkeit zu schulden.

Der Döner-Mann kommt zurück. Nun ist dem Gespräch nicht mehr auszuweichen. Inzwischen sitze ich etwa eine Stunde fast regungslos hier, der Frust steht mir sicher ins Gesicht geschrieben und würde der Döner-Mann nicht mit seinen Kunden reden, hätte er wahrscheinlich gar niemanden. „Wartest Du auf Auto?“, fragt er mich. Aha, sogar das steht also in meinem Gesicht. Ich gebe ihm eine kurze Zusammenfassung und erzähle auf Nachfrage weiter, dass ich unterwegs bin, an verschiedenen Orten arbeite, Schmuck mache. „Handelst du“, fragt er mich, „mit Gold?“ Nein, ich handle nicht, sondern mache selbst und nicht mit Gold, sondern mit Silber und Porzellan. Ich will nicht ins Detail gehen, in seinem Gesicht wiederum steht geschrieben, dass er nicht verstehen wird, was ich ihm erzählen könnte. Er redet sowieso lieber von sich. 1990 kam er nach Deutschland, arbeiten. Seitdem arbeitet er, „arbeiten, arbeiten, ich verdiene netto 1100Euro, davon geht dann noch Miete weg, für hier und für Wohnung und Krankenkasse, bleibt kein Geld übrig für Leben, kein Geld für nichts. Was ist das für Leben?“ Das frage ich mich allerdings auch. Im gleichen Atemzug fügt er hinzu: „Willst Du nicht arbeiten?“ … Ich bin vollkommen sprachlos. Da erzählt mir dieser Mensch von seinem Leben, einem Leben, das aus Döner-zusammenbasteln und Frisch-geduscht-sein besteht. Welch beschissenes Leben! Und nicht beschissen, weil es aus Dönern und Duschen besteht, sondern weil der Mann damit nicht zufrieden ist, woran er aber nichts ändert, und dies nicht tut, weil er es nicht kann oder nicht will oder nicht weiß wie. Was für ein beschissenes Leben! Und dieser Mann fragt er mich allen Ernstes ob ich nicht ar-bei-ten wolle!!

 

Ich murmle ein „Ich arbeite doch“, aber mir ist klar, dass er mein Leben nicht kapieren wird, wahrscheinlich noch weniger als ich seines, und auch ihm ist klar, dass sich ab diesem Punkt das Gespräch dem Ende neigt. Kurz danach gehe ich um nach meinem Bus zu sehen. Inzwischen bin ich mehr als drei Stunden in Waidhaus, es ist fast 20 Uhr, im Hellen werde ich mein Tarp definitiv nicht mehr aufschlagen und der Badezuber ist sicher schon voll. Es ist kalt und langsam werde ich wirklich sauer. Herr Lindner rennt auf einmal quer über den Platz, er schreibe schnell die Rechnung, aber das tat er angeblich schon vor eineinhalb Stunden. Dann rasseln die Rolladen hinter der Tür, durch die er verschwunden ist, hinunter und es herrscht wieder verlassene Ruhe. In die Imbissbude will ich nicht mehr, mir reicht es, spätestens nach dem Gespräch mit dem Döner-Mann ist doch meine Geschichte spannend genug und könnte endlich zu Ende sein! Ist sie auch. Weitere zehn Minuten stehe ich an der Tanke herum, dann darf ich die horrende Rechnung für Keilriemen, Lichtmaschine, Arbeitsstunden, Taxigebühr (die Ersatzteile waren aus dem sechzig Kilometer gelegenen Weiden gebracht worden – ich fahre aus Geiz nie Taxi, aber dafür meine Autoteile…) begleichen und endlich, nach zig Stunden Unterbrechung kann ich die Fahrt fortsetzen, oder eher beginnen. Knapp über zweihundert Kilometer, die Autobahn ist leer, das schöne Fichtelgebirge, auf das ich mich gefreut hatte, sehe ich sowieso nicht. Ich stelle mein Tarp im Dunkeln auf, schnappe meine Badesachen, laufe sofort alten Bekannten in die Arme und kurz danach sitzen wir alle im Badezuber, die Sterne blinken über uns, bis sehr spät in die Nacht…

Das ist ein Leben!

Meins.

 

30.01.2018