Leben an der Autobahn. Sackgasse Prösitz

Leben an der Autobahn. Sackgasse Prösitz

Wie ist es wohl an einer Autobahn zu leben? Ernsthaft habe ich mir diese Frage nie gestellt, denn allein schon die Vorstellung fand ich furchtbar. Dafür entstand in mir manchmal das Bild, dass mein Leben sei wie auf der Autobahn zu fahren: Zack, zack, zack, ein Auto jagt das nächste. Steht man am Rastplatz und beobachtet die vorbeisausenden Autos, nimmt man nicht viel mehr wahr, als bunte Flecken. Kaum ins Sichtfeld geraten, schon wieder weg. Manchmal fühlt es sich so an, als würden die Ereignisse in meinem Leben mit einer ähnlichen Geschwindigkeit an mir vorbeieilen. Kaum da, schon wieder vorbei. Diesen Vergleich mache ich vor allem, wenn ich selbst auf der Autobahn unterwegs bin. Zweihundert Kilometer, drei-, vierhundert – es geht nur darum möglichst viele Kilometer in möglichst kurzer Zeit hinter sich zu bringen, ein ständiger Blick auf das Navi: Noch so und so viel Strecke zu machen, so und so viele Stunden und Minuten vor mir. Es gilt nur am „Ziel“ anzukommen. Trotz alledem ist es so, dass ich in meinem gemütlichen Gefährt bei fröhlicher Musik sitze: Ich ziehe an der Welt vorbei (oder zieht sie an mir vorbei?) – und es ist ein völlig anderes Gefühl, als morgens aus dem Haus zu treten, in den Sonnenschein, mit der Kaffeetasse in der Hand, um den neuen Tag zu begrüßen – und gegen eine Wand des Dröhnens und Rauschens zu prallen! Weil man diesmal nicht selbst auf der Autobahn unterwegs ist, sondern sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhält. Und nicht um dort eine kurze Fahrtpause zu machen, sondern um da zu wohnen und zu leben. Das Dröhnen dringt Tag und Nacht an mein Ohr, bewusst und unbewusst. Jetzt ist Winter und die gut isolierten Fenster sind meist geschlossen, daher ist es erträglich. Eine Hausreihe des Dreiseithofes stellt sich gegen den Lärm, doch ich habe den Eindruck, dass die Klangbeckenform des Hofes diesen gleichzeitig auffängt.

Was macht das Leben an der Autobahn mit den Menschen? Kommt der Druck in meinem Kopf von dem ständigen Geräuschpegel? Verändert sich das Bewusstsein, die Lebenseinstellung durch die unmittelbare Anwesenheit von Lärm, aber auch Geschwindigkeit, Eile, Hast? Wie lange dauert es, bis eine Veränderung eintritt? Wie ist es, wenn man hier geboren wird?

Hinzu kommt, dass dieses Dorf nicht nur an eine Autobahn grenzt, sondern auf der anderen Seite zusätzlich von einer recht stark befahrenen Bundesstraße eingerahmt wird. Wie die Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks legen sich die zwei Fahrbahnen an die Häuser. Die dritte, vermeintlich offene Seite führt auf die Äcker. Im Winter, bei gefrorenem Boden, sind sie zwar begehbar, aber zu einer ästhetisch-geistigen Entspannung führen sie nicht. Ich sitze fest. Trotzdem muss ich mich bewegen. Als ich eines Abends zu faul bin, um mich auf mein Fahrrad zu schwingen und die zwei, drei Kilometer ins Grüne zu radeln, erkunde ich das Dorf. Die nächste Straße biege ich nach links ab. Sie führt direkt auf die Autobahn zu. Es trennt mich nur noch ein schmaler Streifen Feld und ein Wall von dem breiten Stück Asphalt und den rasenden Autos. Nichts hingegen trennt mich vom Lärm. Er ist hier so gewaltig, verschlingt, vernichtet, verneint jegliche andere akustische Regung. Der Hof zu meiner Linken sieht verlassen aus. Die riesigen Gebäude heben sich dunkelschwarz vor der schwarzen Umgebung ab. Nur ein schmaler Lichtschein fällt auf die Straße. Im Vorbeilaufen schiele ich zu dessen Quelle. Ich sehe einen Mann in rotem Pulli. Es sieht aus, als säße er auf einer unteren Treppenstufe, in einer Haltung, als spielte er Gitarre. Ich grinse und stelle mir vor, dass er sich in den unwirtlichen, scheinbar im Umbau befindlichen, Keller zurückzieht, weil seine Familie sein Spiel nicht hören will oder er dabei einfach allein sein möchte. Als mein Weg ein kurzes Stück weiter im völligen Dunkel eines sich öffnenden Hofes endet, kehre ich lieber um. Wer weiß, ob hier nicht ein kampfwilliger Hund herrscht? Als ich wieder an der Lichtquelle vorbeikomme, hat sich das Bild völlig verändert. Die linke Hand liegt schlaff in seinem Schoss, die rechte ist aufgestützt auf einer Kiste, den Kopf hat er schwer darin abgelegt. Die Beine sind müde von sich gestreckt. Nun kommen mir die Gebäude noch dunkler und verlassener vor.

Die nächste Straße, in die ich abbiege, endet an einer Obstwiese. Die zweite geht in einen Feldweg über, der bis kurz vor die Autobahn reicht. Die dritte Straße führt durchs Dorf und wird hinter dem letzten Haus zu einem Trampelpfad, der ins Gestrüpp führt. Ich gehe zurück, und weiter geradeaus, die letzte Straße entlang. Sie endet an einem Dreiseithof. Dessen Tore und Fensterläden sind verschlossen. Grau. Vor dem Haus türmen sich unachtsam gestapelte Berge von Holz und Paletten. Als ich mich umdrehe, um nach Hause zu gehen, schlägt mir kalter Wind entgegen. Ich hatte mich von den letzten Sonnenstrahlen betören lassen und nun dringt der eisige Wind durch meine Fleecejacke und den kurzen, dünnen Rock. Die Straßenlampen stehen weit auseinander, das diffuse Licht reicht nicht um den gesamten Weg zu erleuchten. Gespenstische Wirklichkeit. Einsamkeit, Dunkelheit, Kälte. Umgeben von Sackgassen an der Autobahn.

 

 

März 2018