Kulturfestival in Frankfurt. Eine Katastrophe.

Profi

Nach dem spaßigen Markt am letzten Wochenende habe ich mich spontan für einen weiteren an diesem angemeldet. Heute war Aufbautag. Innerhalb von anderthalb Stunden war ich mit meinem Stand fertig. Ich arbeitete ruhig, konzentriert. Ich wusste was zu tun war, obwohl ich wieder eine neue Standversion ausprobierte. Fast schon routiniert. Morgen will ich etwa zwanzig Minuten vor Veranstaltungsbeginn vor Ort sein. Ich weiß, dass mir diese kurze Zeit reichen wird um dem Stand den letzten Schliff zu verpassen.

Mir wird bewusst, dass meine Sicherheit und Selbständigkeit seit dem ersten Standaufbau vor vier Monaten geradezu exponentiell gestiegen ist. Ich bin kein Neuling mehr, sondern auf dem Weg Aussteller-Profi zu werden!

 

Müde

Wieder diese bleierne Müdigkeit, die so furchtbar träge macht. Die es mir unmöglich macht bei dem einen interessiert schauenden Besucher pro halbe Stunde von meinem Stuhl aufzustehen und ins Gespräch zu gehen oder allerwenigstens den Blickkontakt zu suchen um ihm zuzulächeln. Die mir den Wunsch stiehlt, neue nette Kollegen kennenzulernen. Die mir die Energie raubt um aufs Klos zu gehen oder kurz nach draußen an die frische Luft. Apathisch sitze ich auf meinem quietschrosa Stuhl in der Ecke. Manchmal muss ich die Augen schließen. Die Lider sind so entsetzlich schwer. Ich will nur schlafen.

 

Vorurteile

Pelzkragen oder Plüschmäntel. Ewig lange Fingernägel oder mehrfach beringte, bleich-zarte Fingerchen. Geschminkt, wahrscheinlich bis zum Bauchnabel oder perfekter, möglicherweise täglich neuer „Haircut“. Hockhackige Schuhe oder strahlendweiße (draußen ist Matschwetter) Fila-Sneakers. Pailletten oder anderer Glitzer. Glanzlackschuhe oder – bomberjacken.

Alle(s) unecht, geschmacksfrei, oberflächlich.

Prollig.

 

Fimo

Gibt es ein abscheulicheres, gemeiner tönendes Wort?

Fffffff-iiiiiiiiiiii-moooo

Die letzte Silbe klingt, je nach Sprecher, wie „muuuh“.

Ich schreie es jetzt endlich mal völlig unbeherrscht in die Welt hinaus:

Fimo.Ist.Mein.Ab.so.lu.tes.HASS.wort!!!!!

 

Selbstgemacht

Zum wievielten Mal wurde mir heute diese Frage schon gestellt? – „Ist das selbstgemacht??“

Am liebsten würde ich wie eine Katze meine Krallen ausfahren und dem Fragenden die Augen auskratzen: „Ja, Mann! Natürlich – was denn sonst???!“

Ich bin auf einer Veranstaltung gelandet, auf der ich allen Ernstes gefragt werde, ob ich meine SchmuckStücke selbst anfertige!!!

Das, glaube ich, ist der absolute Negativ-Höhepunkt meiner erstjährigen Verkaufserlebnisse!

 

Blicke

aufs Handy.

11.01 Uhr 11.30 Uhr 11.57 Uhr {hier telefonierte ich mit einer Freundin} 12.53 Uhr 13.14 Uhr 13.31 Uhr 13.54 Uhr 14.12 Uhr 14.51 Uhr 15.13 Uhr 15.28 Uhr 15.44 Uhr 16.01 Uhr 16.17 Uhr 16.29 Uhr 16.39 Uhr 16.47 Uhr 17.09 Uhr 17.18 Uhr 17.38 Uhr 17.59 Uhr 18.32 Uhr 19.01 Uhr 19.34 Uhr

Ganz sicher bin ich mir nicht, was ich mir von dem häufigen Handyanschauen erhoffe. Es gehört nicht zu den Dingen, die ich sonst in dieser Frequentierung tue. Auch denke ich etwas, was ich sonst sehr selten denke: Welche Verschwendung kostbarer Zeit hier zu sitzen!!!

Noch drei Stunden…

Und Lächeln nicht vergessen!

Eine Stunde vor offiziellem Veranstaltungsende bin ich es leid meine Zeit mit Minutenprotokoll zu vertreiben. Ich packe zusammen. Obrigkeitshörigkeit hat ihre Grenzen.

 

Wut

Die Frage ist, warum ärgere ich mich so?

Darüber, dass ich nicht mal meine (ziemlich hohen) Standgebühren reinbekommen werde? Darüber, dass diese niveaulosen Prolls, denen ich hier nicht (wie sonst) aus dem Weg gehen kann, mich mit ihrem affektierten Gehabe zur Weißglut und absoluten Verzweiflung treiben? Darüber, dass die mir mit dem was sie tun (oder meinen zu tun) und mit dem was sie sind (oder meinen zu sein) völlig egal sein können, aber es aus irgendeinem völlig rätselhaften Grund nicht sind? Darüber, dass ich für die absolut unfreiwillig den Clown spielen muss – und einen affektierten noch dazu, denn dafür müssen die mich halten! Darüber, dass mein Stand so schön ist wie noch nie und es nur ein einziger Mensch würdigt? Darüber, dass die Veranstalter mit erhobener Nase durch die Gänge hetzen (immer auf wichtiger Mission), ohne ein kurzes Hallo und sich frei jeglicher Verantwortung für diese Katastrophe sprechen? Darüber, dass die DJs den eintönigsten, nervtötendsten Elektro spielen, der statt guter Laune nur Kopfschmerzen und Herzrhythmusstörungen verursacht? Darüber, dass ich den Stand am Freitag aufgebaut hatte, entgegen mein ungutes Gefühl? Darüber, dass ich nasse Füße habe, weil ich mit Schuhen, von denen ich weiß, dass sie undicht sind, in den Pfützen stehend telefonierte? Darüber, dass ich die Schokolade, die Plätzchen, die Riegel, die Reiswaffeln, die Honigbutterwaffeln, die Äpfel und den Käsekuchen zu Hause gelassen habe? Darüber, dass der Großteil der Aussteller Händler ist, der mit den furchtbar kitschigsten und billigsten Sachen handelt (versucht zu handeln – verkaufen tun auch sie nichts)? Darüber, dass sogar die Aussteller für den Klobesuch blechen sollen? Darüber, dass ich nach Pommesfett und Cevapcici stinke, weil es keinen Abzug in der Halle gibt? Darüber, dass meine Standnachbarin wie eine Formel wiederholt: „Ich habe heute noch nicht ein Stück verkauft! Vielleicht muss ich mal umdekorieren. Ich…“ Darüber, dass…

Ich ärgere mich, bis mir dazu Lust und Energie vergehen.

Irgendwann kann ich nur noch lachen: Diese Veranstaltung ist so unbeschreiblich ABSURD!

 

Kampfgebrüll

Der Sonntag sah noch schlimmer aus als der Samstag! Es war nicht auszuhalten! Auf der großartig angekündigten Fläche von 5000qm verloren sich die gefühlt höchstens zweihundert Besucher. An meinem Stand blieben davon zwanzig, vielleicht dreißig Besucher (die beider Tage zusammengezählt) stehen, die in die Kategorie „zumindestens mäßig interessiert“ einzuordnen waren. Es war ätzend langweilig.

Diesmal packte ich vollständig und endgültig. Vier Stunden zu früh und viele Stunden zu spät war mein Bus beladen. Das war höchst unkollegial den anderen Ausstellern und dem Veranstalter gegenüber. „Man macht sowas nicht!“ – aber das war mir egal. Mein Seelenfrieden war mir wichtiger. Und dem Veranstalter fühlte ich mich zu nichts mehr verpflichtet: Die Veranstaltung war der grandioseste Reinfall, emotional hat sie bei allen Beteiligten einen Wirbelwind ausgelöst.

Der Veranstalter ließ sich den ganzen Tag nicht ein einziges Mal blicken. Kein „Hey Leute, scheiße gelaufen.“ Kein „Mir geht’s grad auch voll mies.“ Kein aufmunterndes Schulterklopfen. Keine Entschuldigung. Nichts. Alles was dieser Veranstalter fertig brachte, war, seine zwei jungen Assistentinnen an die Front zu schicken, wo sie Ärger und Frust der gesamten Ausstellerschaft abfangen durften. Dem Sturm waren sie nicht gewachsen. Irgendwann brauchten auch sie ein Ventil. Da kamen aufmüpfige Aussteller wie ich, die ohne zu fragen und ohne Erlaubnis einfach abbauten, gerade recht. (Vor mir waren schon zwei, drei andere gegangen, aber die meisten harrten stoisch der Dinge.) Es war nicht schön beschimpft zu werden, aber es machte mir die Richtigkeit meiner Entscheidung umso deutlicher: Wenn ich das Bedürfnis habe Hampelmann zu spielen, dann tue ich es. Aber wann, wo und wie ICH es will.

Der Veranstalter tat mir übrigens auch leid. Er wird in Zukunft Veranstaltungen außerhalb von Frankfurt organisieren oder seinen Job wechseln müssen.

 

Tauschen

Mir gefällt es Tauschgeschäfte zu betreiben. Bislang habe ich auf jedem Markt mit einer Kollegin etwas getauscht. Das Schöne ist, dass ich immer Dinge eintausche, die ich nicht „brauche“: Kissen, Tasse, Weihnachtskranz, Ledertasche. Wunderschöne Sachen, die ich unglaublich gerne ansehe, anfasse, benutze.

 

 

 

14.-16.12.2018