Kinderzimmer-Werkstatt. Rhythmen und Gewohnheiten

Kinderzimmer-Werkstatt. Rhythmen und Gewohnheiten

Kaffeetrinken – Frühstücken – Arbeiten – Mittagessen – Mittagsschlaf – Kaffeetrinken – Arbeiten – Abendessen – Erledigungen im Internet – Freizeit

Ich bin ganz gern allein. Ich brauche das. Ich brauche viel viel Raum um mich, für mich. Einen Raum, in dem ich ganz meinen eigenen Bedürfnissen, meinem eigenen Rhythmus folgen kann. Ich habe einen sehr strengen Rhythmus. Fast erschreckend.

Der absolut wichtigste, und meistens der allererste, Tagesordnungspunkt ist der morgendliche Kaffee im Freien: Je weiter der Blick, desto besser. Ich trinke den Espresso, zubereitet in meinem giftgrünen Espressokocher ohne Henkel (runtergefallen, abgebrochen) mit viel Milchschaum. Den Milchschaum löffle ich genüsslich. Die Tasse, aus der ich den Kaffee trinke, ist selbst getöpfert, aber nicht immer die gleiche. An manchen Morgenden fühle ich mich mehr nach der bauchigen rauchgebrannten mit halbem Henkel, an anderen will ich den filigranen, schlanken rot-orangen Porzellanbecher in meinen Händen halten. Hier, im Tschechischen Wald, beginnt mein Tag bei den Ziegen. So kann ich mir anschließend mit dem Kaffee Zeit lassen. Da ich die giftgrüne Espressomaschine bei meiner Mutter vergessen habe, bereite ich nun den Kaffee in einem silbernen Kaffeekännchen aus Georgien zu, als türkischen Kaffee. Diese Variante ist suboptimal, da sich Espressopulver ganz fürchterlich für türkischen Kaffee eignet. Es ist eigentlich zum Abgewöhnen, aber was tut man nicht für Traditionen und Rhythmen.

Während des Kaffeekochens heize ich den Ofen ein und bereite mein Müsli zu. Danach kann die Arbeit beginnen. Vormittags löte ich (oder, wenn ich keramisch arbeite, gieße ich frische Platten). Keine Ahnung warum sich das so ergeben hat, da habe ich noch am meisten Geduld, bin am wachsten? Irgendwann ist Zeit fürs Mittagessen, danach fürs Ausruhen. Um wieder wach zu werden, trinke ich meinen Nachmittags-Kaffee, bei dem ich mehr Gestaltungsmöglichkeiten zulasse. Anschließend geht es in die zweite Runde Arbeiten. Sägen, feilen, Lötarbeiten vorbereiten (oder Verarbeitung der Platten). Irgendwann spät, viel später jedenfalls als die meisten „regulär Angestellten“, mache ich Feierabend. Das Abendessen kann ich nun genießen, jetzt wird es (noch) gemütlicher. Der Abend kann vielseitig gestaltet werden, hier besteht kein Zwang mehr.

Mir ist erst in den letzten Tagen bewusst geworden, wie unglaublich getaktet mein Tagesablauf ist. Ist mein Rhythmus deswegen so präzise, weil ich diese ausgleichende Ordnung brauche, wenn ich mich ausnahmsweise mal nicht nach irgendjemand anderen richten muss, außer einfach nach mir selbst? Brauche ich diesen, meinen Rhythmus in den wenigen Tagen des absoluten Alleinseins, weil mein ganzes Leben aus Rücksicht auf und Anpassung an die Gewohnheiten und Rhythmen anderer besteht? Aus Spontanität, einem ständigen Hin und Her? Kaum ein Ort, an dem ich länger als sechs, eher aber weniger, Wochen bin: Hat sich ein neuer Rhythmus eingestellt, eine Mischung aus „deren“ und „meinem“, mache ich mich schon wieder auf den Weg… Egal ob Familiäres, Berufliches oder Freizeitliches – kein Monat, in dem nicht etwas Außerordentliches passiert. Nur dass eben das Außerordentliche in meinem Leben die Regel ist.

Momentan ist ein Kinderzimmer meine Werkstatt. Nein, eher anders: Ich habe meine Werkstatt im Kinderzimmer. Während ich versuche die kleinen Ringe zu löten, landet zwischen meinen Füßen plötzlich ein Rennauto. Unter meinem Stuhl führt die Spur des fernsteuerbaren und unheimlich großen „Outdoor-Racing Trucks“ durch. Andere Rennautos düsen mit lautem Wümmwümm durchs Zimmer, immer im Kreis, hinzu kommen Sirenen. Zwischendrin sitzt der kleine Junge. Er erzählt mir unverständliche Geschichten, auf die ich mich konzentrieren muss, dann redet er doch wieder mit sich oder seinen Plastikdinos. Plötzlich steht er neben mir und guckt neugierig, wie ich löte. Ich versuche ihm die Vorgänge zu erklären. Meist legt er schnell verschämt den Kopf schief, rollt mit den Augen und zieht wieder ab. Sein Interesse kann aber auch zu gefährlichen Experimenten führen, etwa wenn er mit seinem Fingerchen testen will, wie sich diese schöne kleine blaue Flamme anfühlt. Hui, das war echt knapp! Dann lässt der Kleine wieder seine Autos über meine Klamotten, die ich über die Bettlehne gehängt habe, fahren. Dinosaurier bauen sich in meinen Tüchern eine Höhle. Zwischen meinen Lötutensilien liegen im Lauf des Tages immer mehr Plastikschildkröten, die sich in Ninyas verwandeln können oder blaue Spielzeugautos, die durch ein paar Handgriffe zu Robotern werden. Während ich Drähte biege, kommt der aufgedrehte Vater um aus dem Fenster zu schauen – Himmeljesuschristusmariaverdammtistdasdennmöglich, es schneit noch immer! Oder um zu telefonieren, der Empfang ist da besser, seine Mitteilsamkeit allerdings eher ziemlich gering, der Tonfall jetzt schläfrig – Jo… — Jooo...— — (Ich vermute, er telefoniert mit seiner Mutter.) Oder um mit seinem Sohn die Murmelbahn aufzubauen, die dann inmitten des Zimmers stehen bleibt. Während ich überlege, wie ich die nächste Kette gestalten soll, kommt Helena ins Zimmer gerannt, reißt den Schrank weit auf um Klamotten fürs Kind rauszuholen, und läßt die Türen danach sperrangelweit offen. Abends, wenn ich langsam schon im Bettgeh-Modus bin, kommt sie um aufzuräumen. Hätte ich mir den Parcours gar nicht einprägen müssen, auf den ich mich bereits beim nächtlichen Klogang im Dunkeln eingestellt hatte… Irgendwann wird mir bewusst, dass ich das ganze Leben um mich herum nur noch nebenher wahrnehme. Ich habe gelernt, mich unter sämtlichen Umständen auf meine Arbeit zu konzentrieren.

Ich akzeptiere, dass ich von morgens bis abends Fernseh- und Radiogedudel höre; mich nervt sowohl das eine als auch das andere, vor allem, wenn es aus unterschiedlichen Quellen gleichzeitig quäkt (Im Notfall mache ich zusätzlich meine eigene Musik an). Ich richte mich nach den Essenszeiten der Familie, die nie vorhersehbar sind. Wenn die Familie mit mir einen „Ausflug“ machen will, dann komme ich mit, obwohl ich weiß, dass wir hauptsächlich einkaufen und ansonsten im Auto sitzen werden, und obwohl ich lieber die Zeit im Wald oder an meiner Werkbank verbringen würde. Wenn mir Helena abends noch einen Glühwein aufs Zimmer bringt, dann nehme ich freudig dankend an und hocke mich zu den beiden ins Wohnzimmer, auch wenn sie da irgendeine TV-Serie gucken, sich zum hundertsten Mal darüber auslassen, dass der Bruder zur Geliebten gezogen ist, oder, im besten Fall, sich über ihre Ziegen und weitere Pläne unterhalten; tatsächlich würde ich viel lieber ein Buch lesen.

Irgendwie bin ich schließlich doch Gast; ich will nicht unhöflich sein. Außerdem mag ich die Familie, es sind interessante und liebe Menschen. Ich mag die Gemeinschaft mit ihnen.

Es ist ein Spiel mit dem Gleichgewicht. Wieviel von meinen eigenen Gewohnheiten und Bedürfnissen, wieviel von meinem eigenen Rhythmus kann ich durch einen anderen ersetzen? Für wie lange? Was überhaupt bedeutet „Rhythmus“? Was bringt er mir? Wann habe ich mir ausgedacht, dass ich bei meinem Mittagsschlaf alleine im Raum sein muss, dass es dabei ruhig sein muss? Es geht nämlich sehr wohl auch, wenn die Tür zum rockmusikerfüllten Wohnzimmer offen steht, sodass das geschichtenerzählende Kind mit seinen quietschenden Autos rein und rauslaufen kann. Im Halbschlaf überlege ich, dass es ganz einfach meine Entscheidung ist, momentan so zu leben. So anders, als ich es „normal“ tun würde. Und dass es eigentlich sehr gemütlich ist, in meinem warmen Bettchen, draußen schneit es ohne Unterlass, das Kind ist zufrieden, die Musik schön; muss ich mir nachher runterladen…

Wenn ich irgendwann demnächst mal wieder ganz allein sein sollte, dann darf es wieder heißen: Kaffee – Frühstücken – Arbeiten – Mittagessen – Mittagsschlaf – Kaffee – Arbeiten – Abendessen – Emails lesen – Gitarre spielen – Lesen – Kaffee – Frühstücken – Arbeiten – Mittagessen – Mittagsschlaf – Kaffee – Arbeiten – Abendessen – Internetrecherche – Gitarre spielen – Lesen – Kaffee –

20.01.2018