Kein leichter Ort für den Winter. Im Paradies & Das

Kein leichter Ort für den Winter. Im Paradies & Das

Mütze, 17.11.201

Die Mützenzeit hat wieder begonnen. Bei meiner morgendlichen Anziehprozedur gehört der automatische Handgriff zur Mütze genauso dazu, wie der nach Socken und Pulli. Ausziehen tu ich die Mütze eigentlich erst, sobald ich ins Bett steige. Und dort trage ich nachts nur deswegen keine Mütze, weil ich mir den warmen, dicken Schlafsack über den Kopf ziehen kann.

 

Saubermachen, 20.11.2018

Ich hab es wieder getan! Bevor ich meine Hütte beziehen konnte, habe ich sie gefegt und gewischt. Bevor ich mich in der „Küche“ halbwegs wohl fühlen konnte, habe ich den Boden gekehrt, den Tisch, auf dem ich meine Lebensmittel lagere und zubereite, gewischt. Bevor ich den Hof als meinen Raum annehmen konnte, habe ich dort Laub gerecht.

– Bevor ich einen Ort als „meinen“ fühlen kann, muss ich ihn erst reinigen.

Das war schon früher so. Kam ich nach mehreren Monaten in mein (zwischenvermietetes) WG-Zimmer zurück, musste ich erstmal eine Generalreinigung betreiben und dann war es wieder meins.

Was für ein aufwendiger Tick!

 

Dunkelheit, 21.11.2018

Ist es in der Stadt eigentlich immer hell? Es ist nach Mitternacht, doch der Himmel leuchtet in diffusem gelb-grau-orange. Es könnte die frühmorgendliche Sonne sein. Doch ginge diese im Osten auf. Der helle Streifen liegt im Westen. Dort, wo sich Offenbach und Frankfurt befinden. Also ist es das städtische Lichtermeer, das von den Wolken gespiegelt wird.

Und das keine Dunkelheit zulässt.

 

Einkaufen, 22.11.2018

Mal wieder ein Großeinkauf! Nach den vergangenen Wochen, in denen ich mich bei verschiedenen Menschen durchgefuttert habe, freue ich mich darauf, endlich wieder selbst für mich zu sorgen. Dafür bracht es Nahrungsmittel, vor allem frische, alles andere habe ich noch in meinem Bus. Also kaufe ich Gemüse. Würde es kleine Verpackungseinheiten geben, würde ich wahrscheinlich auch die kaufen. Aber es gibt sie nicht, und so packe ich zwei Kilo Möhren, ein Kilo Zwiebel, zweieinhalb Kilo Kartoffeln in den Einkaufswagen. Dazu Kohlrabi, Blumenkohl, Fenchel, Lauch (Erst zuhause fällt mir wieder ein, dass ich aus dem mütterlichen Garten bereits einen reichlichen Gemüsevorrat mitgebracht hatte.). An der Milchproduktetheke greife ich ähnlich ausführlich zu. Zwar haben wir keinen Kühlschrank, aber das ungeheizte Haus weist (noch) die empfohlenen Temperaturwerte auf. Ich kann sogar wieder Frischmilch kaufen! Im Lebensmitteleinkaufsrausch komme ich ziemlich vollgepackt zurück.

Zwei Tage später gehe ich spazieren. Hinten aufs Feld hinaus, an den anderen Schrebergärten vorbei, Richtung Siedlung. Ich bin zehn, höchstens fünfzehn Minuten gegangen, da sehe ich das Rewe-Schild leuchten… Da erst begreife ich: Zwar gaukelt mir mein Schrebergarten Abgeschiedenheit vor, aber ich befinde mich in einer Großstadt!

Eine Großstadt zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sich alle paar Meter ein Geschäft befindet, in dem man dies und jenes kaufen kann, in vielen Fällen sogar alles auf einmal. Derartige Großeinkäufe, wie ich sie getätigt habe, machen zwar in der mecklenburgischen Hinterpampa Sinn, wo der nächste Laden einige Tagesmärsche entfernt ist, sodass man so viel einkauft, dass man sich im fortschreitenden Lauf der Verarbeitung dem Verfallsdatum gehörig annähert. Aber in einer großen Stadt wie Offenbach, selbst wenn es sich um eine Kleingartensiedlung in Stadtrandlage handelt, ist ein derartiges Einkaufsverhalten sehr – erstaunlich. Überflüssig allemal.

Andererseits: In einer Großstadt wohnen viele Menschen – wer weiß, ob übermorgen die Zwiebel und Kartoffeln nicht ausverkauft sein könnten??

 

Eintopf, 22.11.2018

Allein für mich koche ich ungern und in dieser „Küche“ sowieso. Heute jedoch konnte ich mich dazu überreden, was aufwendigeres zu kochen: Gemüse (Blumenkohl, der musste weg) mit Beilage (Reis, der passte gut und ich liebe Reis). Immerhin gibt es einen Zwei-Platten-Gasherd, da passt das ja genau. Gerade will ich den Topf für den Reis auf die (kleinere) Platte stellen, da fängt es in meinem Hirn an zu rattern: Wo würde ich das Gas für diese Platte bedienen?

Es ist nämlich so: Wir benutzen immer ein und dieselbe Platte, und deren Gaszufuhr wird, logischerweise, von der Gasflasche versorgt. Will ich die Platte erhitzen, reguliere ich das direkt an der Flasche. Haha, reguliere. Ich kann das Gas auf- und zudrehen. Mehr Gas oder weniger geht nicht.

Das wars also mit den zwei Platten. Und mit den zwei Bestandteilen meines großartigen Gerichts. Dann gibt es heute halt nur Blumenkohl. Den Reis morgen. Und in Zukunft eben nur noch Eintopf.

 

Durchgeheizt, 23.11.2018

Vergangene Nacht habe ich versucht, den Ofen nicht ausgehen zu lassen. Wenn die Briketts schon so schön lange glühen, sollte es doch kein Problem sein, das Feuer am Laufen zu halten. Welch Luxus würde es sein, morgens in einem warmen Raum aufzustehen!

Tatsächlich musste ich nur zwei-, dreimal nachlegen und morgens hatte ich genug Glut um direkt weiterfeuern zu können.

Bedacht hatte ich bei alledem leider nicht, dass es für mich rein gar kein Luxus ist, in einem warmen Zimmer zu schlafen! Im Grunde konnte von Schlafen überhaupt nicht die Rede sein.

Heute lasse ich das Feuer wieder ausgehen. Wenn ich es recht überlege, mag ich die Morgenfrische.

 

Zwei-Platten-Herd, 24.11.2018

Jaja, noch ist meine Lehrzeit hier nicht zu Ende. Der Zwei-Platten-Gasherd hat nicht nur zwei Platten, man kann erstaunlicherweise sogar beide benutzen! Denn, natürlich, werden beide Platten mit Gas versorgt. Gleichzeitig. Beide Platten haben sogar einen Knopf zum Regulieren der Gaszufuhr und damit der Hitze. Von den Drehknäufen sind jedoch nur noch Metallstifte übrig, die mit Hilfe einer Zange recht passabel bedient werden können. Aber eben nur passabel. So wird eine Platte für den Normalgebrauch komplett zugedreht, die andere immer angelassen – und über das gut funktionierende Rädchen an der Gasflasche bedient.

 

Der Fluglärm, 24.11.2018

dröhnt heute extrem laut und ununterbrochen.

 

Duschen, 25.11.2018

Oh, da freue ich mich nun drauf! Morgen ist der große Tag! Das wird ein eigenartiges Ereignis werden: In einer geheizten Wohnung in einer Duschkabine stehen…

Dem empfindlichen Leser erspare ich genaue Zeitangaben darüber wie lange ich nicht geduscht habe. Soviel jedoch sei verraten: Es ist deutlich länger als zwei Tage her, seit jedes Fleckchen meiner Haut in den Kontakt mit warmem, fließendem Wasser kam. In der Zwischenzeit habe ich lediglich Katzenwäsche betrieben. Mit kaltem und manchmal eiskaltem Wasser. Sehr erfrischend. Allein schon des halbnackt in der Kälte Herumstehens wegen. Da fühlt sich die eben erst eingeheizte Hütte so richtig kuschelig warm an!

 

Licht, 26.11.2018

So warm die Kerzen auch leuchten, so hell sie auch scheinen mögen, so heimelig-gemütlich ihr Schein auch sein mag – so gut kann ich nun diejenigen meiner georgischen Freunde verstehen, die bei Eintritt der Dunkelheit jede Lampe in ihrem Haus anmachten und meinen Vorschlag, eine Kerze der Gemütlichkeit wegen anzuzünden, äußerst nachdrücklich abwehrten. Für sie bestand keinerlei kausaler oder sonstiger Zusammenhang zwischen Kerzenlicht und Gemütlichkeit; zu viele Stunden, Wochen, Monate hatten sie bei nichts anderem als Kerzenschein verbracht, zu Zeiten in ihrem Land, als die Elektrizität Lampen wie kleine willkürliche Wunder für wenige Momente aufflackern ließ. Um sie anschließend wieder für lange Zeit erloschen zu lassen.

Zwar kann ich die Abneigung gegenüber Kerzen nun verstehen. Es ist für die Augen anstrengend bei Kerzenschein zu lesen; schwierig zu handarbeiten; geradezu unmöglich an meinem Schmuck zu arbeiten.

Meine romantisierende Einstellung zu Kerzenlicht möchte ich mir dennoch erhalten.

 

Wasser, 28.11.2018

Da muss ich doch tatsächlich heute noch ganz schön mit meinem Wasservorrat haushalten. Ich habe noch drei Schluck Tee, einen dreiviertel Liter Ingwersud und etwa einen Liter Trinkwasser, plus einen weiteren Liter Brunnenwasser im Kanister. Den brauche ich zum Waschen und Abwaschen heute Abend und morgen Früh. Eigentlich hatte ich noch etwas Wasser übrig lassen wollen.

Insgesamt hatte mir das mitgebrachte Wasser in den zwölfeinhalb Tagen meines Hierseins ganz gut gereicht. Seit ich das Brunnenwasser auch zum Kochen verwende sowieso. Letzte Woche konnte ich drei Flaschen im Offenbacher Kaufhof nachfüllen (welch ein Glück – auf dem dortigen Klo gibt es doch tatsächlich hohe Wasserhähne!) und vor zwei Tagen füllte ich nochmal zwei Flaschen bei meinem Bruder nach.

Aber nun ist alles, alles leer, inklusive der Fünfliter-Flasche aus meinem Bus (die eiserne Reserve) und dem Fünfzehnliter-Kanister. Morgen fahre ich zu meiner Mutter und wenn ich in einigen Tagen zurückkehre, werde ich dreißig bis vierzig Liter Trinkwasser im Gepäck haben.

 

Kerzen, 28.11.2018

Meine Kerzen gehen ebenfalls der Neige zu. Gestern wollte ich Nachschub kaufen, aber die vorhandene Auswahl war so exorbitant teuer, dass ich beschloss notfalls im Dunkeln zu sitzen. Bis morgen wird mein Vorrat schon reichen. Ich werde also neben Wasser auch viele Kerzen mit zurück bringen.

 

Aufgeladen, 05.12.2018

Nicht nur mein Handy kann ich über die kleine, solarstrombediente Batterie aufladen, sondern auch den Akku meines Fotoapparats! Oh Freude!

 

Butter-Breze, 05.12.2018

Gespräch mit der Bäckereifachverkäuferin (nehme ich an):

Guten Tag, haben Sie Butterbrezeln?

Butterbre..?

Nein, wir haben nur Laugenbrezeln.

Na gut, dann nehme ich ein Laugencroiss…

Meinen Sie das? Mit Butter?

Sie hebt einen Laugenkringel, -kreis, -rad (oder wie auch immer man das hier nennen mag) hoch.

Ja, das geht auch.

Kurz darauf verlasse ich die Bäckerei mit einem butterbeschmierten Laugengebäck. Beim nächsten Mal bestelle ich sowas.

 

Westwind, 06.12.201

weht den Wind, und somit auch den Rauch, der aus meinem Ofenrohr steigt, Richtung Osten. Im Osten des Ofenrohrs liegt die Hütte. Dorthin drückt der Wind den Rauch. Durch Ritzen im Holz und die (offensichtlich nicht ganz dichte) Fensterluke, kehrt der Rauch, der sich doch eigentlich im Draußen verflüchtigen sollte, in meine Hütte zurück. Die Tür, die auf der Ostseite der Hütte liegt, für Frischluft zu öffnen ist keine gute Idee. Denn der ganze Qualm steht im Hof und wird von dort ebenfalls wieder in meine Hütte gedrückt. Meine Augen und Nase brennen. Ich versuche das Feuer ordentlich am Brennen zu halten um die Rauchbildung zu verringern. Es hilft mäßig.

Ich kann nur auf baldige Änderung der Wetterverhältnisse hoffen und einen Nachtspaziergang machen.

 

Lieben, 12.12.2018

Voller Wut schreit das kleine, vierjährige Mädchen seine Großmutter an: „Ich liebe dich überhaupt nicht mehr!“

Wenige Minuten später kommt es fröhlich angehüpft und will sich auf den Schoß und in die Arme der Großmutter kuscheln. Diese sagt: „Gerade hast du doch gesagt, du liebst mich nicht mehr…“ Die Kleine ruft erstaunt-entrüstet: „Aber Omi! Das war doch vorhin!!“