Eine graue Zeit. Belfaster Frust

Eine graue Zeit. Belfaster Frust

Morgens, wenn ich mich auf mein Fahrrad schwinge, egal bei welchem Wetter, und den Berg hinab in die Stadt jage, bin ich voller Freude. Sobald ich an der Uni mein Fahrrad abschließe, übermannt mich die schlechte Laune. An der Pforte vorbei, durch das Drehkreuz, hinauf in den zweiten Stock, über die Brücke, auf der anderen Seite wieder die Treppen ins Erdgeschoss hinunter bis zur Keramikwerkstatt. Jeder Schritt wird schwerer, nur in der Keramikwerkstatt blühe ich noch einmal kurz auf: Ich begrüße einige Kommilitonen, rede ein paar Sätze mit Andrea, durchquere den großen hellen Raum, in dem alles wunderbar nach Ton riecht. Dann muss ich durch die Schwingtür in die kühle Schmuckwerkstatt – plötzlich möchte ich heulen und wünsche, die Schwingtür wäre eine Drehtür, die mich mit einer 360°C-Wendung wieder nach Draußen bringt. Der einzige Ort, an dem ich an der Uni wirklich gern bin, ein Rückzugsort, voller Ruhe, ist die Bibliothek. All die vielen Bücher bilden mit ihrer ihnen innewohnenden Weisheit einen Schutzwall des Wissens, der Phantasie, der Anregungen. Keiner meiner Kommilitonen versteht das.

Ich lerne und arbeite viel. Aber die Motivation, die ich Anfang des Jahres hatte, die Begeisterung– verschwunden. So oft ich mir sage: Ignorier die anderen! Ich kann es nicht.

 

Unser Kursdirektor, den ich zwar sehr schätze, der aber immer meint, er müsse einem einbläuen wie toll dieser Kurs sei – BA (Hons) in Contemporary Applied Arts in Ceramics and Silversmithing/ Jewellery. Klingt beeindruckend, ja. Doch die fachlichen Kompetenzen fehlen, sowie die Weltoffenheit und das allgemeine Interesse, das ich an einer Kunstschule und von Lehrenden erwartet habe.

Unsere Schmucklehrerin, die leidenschaftslos bei jedem Arbeitsschritt wiederholt: „So etwas Technisches müsst ihr nur einmal in eurem Leben gemacht haben. Wahrscheinlich werdet ihr das nie wieder anwenden, aber ihr müsst wissen, wie es geht.“ Sie kann Keramik nicht leiden, noch weniger die Dozenten der Abteilung und trägt ihren persönlich-privaten Zwist so weit in die Schule, dass sie mir untersagen will, an Töpfer-Vorführungen teilzunehmen.

Unser Techniker, der notorisch schlecht gelaunt ist und am liebsten über unsere Dozenten lästert, und über alles was mit der Keramikwerkstatt zu tun hat, die in seinen Augen ein einziger Saustall ist. Der aber selbst im chaotischsten Schmuddelloch hockt. Der dennoch der einzige ist, an den man sich mit Fragen wenden kann; der einem, nicht unbedingt sehr bereitwillig, kompetent Auskunft und Lösungsvorschläge gibt. Der der einzige ist, der mir einen guten Morgen wünscht – und manchmal sogar mit einem strahlenden Lächeln!

Unser Dozent für Geschichte der Angewandten Kunst, der den Studenten in den Arsch kriecht um am Ende des Studienjahres von ihnen gute Bewertungen zu bekommen; die er benötigt um seine Stelle weiterhin zu behalten! (Was für ein System!) Der ein Drittel der Unterrichtseinheiten darauf verwendet uns zu erklären, dass wir weder vor den zweiseitigen Essays noch vor dem Unisystem an sich Angst haben müssten. Der mir bei der Besprechung des Essays „vertraulich“ erzählt, dass eine Studentin wegen Überforderung geweint hätte.

Die junge Tutorin, die einen Vortrag zu wissenschaftlichem Arbeiten und Führen eines Skizzenbuches halten soll und stattdessen ihre (ersten) Auslandserfahrungen in Statements zusammenfasst wie: + Ihre finnische Partnerstadt war nahe der russischen Grenze gelegen – ein sehr beängstigender Umstand. + Man solle als Frau nicht Couchsurfen und schon gar nicht bei Männern. + Man solle überhaupt nicht allein als Frau reisen.

All meine 18-19jährigen Kommilitonen, die jammern, wie schwer und langweilig alles sei, die zu Vorführungen neuer Techniken zu spät oder gar nicht erscheinen, dann an ihrem Smartphone hängen und die außer Saufen und am Wochenende heimfahren keine anderen Themen haben.

Kaley, die sich über den einzigen Dozenten beschweren will, der er ein klein wenig provokant ist, zum Denken und Mitarbeiten auffordert und ein bisschen Eigeninitiative erwartet!

Ruth mit endlosen Wimpern, Busen und Fingernägeln und ihrer kleinen goldfarbig verzierten Handtasche, die ihr bei allen Arbeiten um die Schulter baumelt, und die nach einem Schuljahr immer noch nicht weiß, wie man den Gasbrenner richtig bedient.

Chris, der regelmäßig um zwei Uhr nachmittags, vier Stunden nach Unterrichtsbeginn, stolz und vor Freude strahlend auftaucht: „Hab bis vor zwanzig Minuten geschlafen, gestern so lang gesoffen — hab ich was verpasst?“

Dan, der daheim unglaublich viele und wahrscheinlich selbst auch gesundheitliche Probleme hat, wochenlang nicht auftaucht und dann eine persönliche Spezialeinheit bekommt. Den ich eigentlich sehr gerne mag, und der auch echt was auf dem Kasten hat, auf den man sich leider überhaupt nicht verlassen kann.

Meine ältere, gute Freundin Andrea, die mir mit mütterlich-christlicher Art und liebevollem Lächeln erklärt, dass alles gar nicht so schlimm sei, es gäbe sehr viel furchtbarere Sachen. (Ja, ich weiß, anderswo sterben Menschen.)

Meine mexikanische, beste Freundin Lisa, ohne die ich schon allerlängst abgehauen wäre. Die mich mit ihrer extrovertierten, dauerguten Laune noch kleiner, unsozialer und miesepetriger fühlen lässt.

 

Die Straßen sind grau, dunkelbraun und leblos. Die „Vorgärten“ sind mit Kies ausgelegt, gepflastert oder meistens einfach betoniert. Die großen Fenster sind zugezogen, auf dem Sims steht die gleiche geschwungene Statuette aus dem One-Pound-Laden, wie beim Nachbarn. Durch die Jalousien scheint das Licht des Fernsehers. Das Wetter ist nass, kalt, neblig, grau. Es ist Winter. Pure Monotonie: Eintönigkeit, Einfarbigkeit, Einförmigkeit.

 

Die Stimmung in der Stadt ist undefinierbar düster. In manchen Vierteln leben Katholiken, in anderen Protestanten. Manche Viertel, meist die protestantischen, sind dementsprechend markiert, indem Bordsteine und Laternenpfahle in den britischen Farben blau-weiß-rot angemalt sind. Man warnt mich, mich in diesen Gegenden aufzuhalten, besonders als Ausländerin. Von der Wohnungssuche im protestantischen West-Belfast wird mir abgeraten. Der Osten ist allgemein verrufen, da wird eingebrochen und Schaufenster werden eingeschlagen. Das katholische Nord-Belfast ist ebenfalls ein ganz übles Loch: Der Öltank im Hintergarten wird einem leergepumpt, wenn man ihn nicht verriegelt. Im Süden der Stadt, das einzige sichere und lebenswerte Viertel, finden Schießereien statt, wenngleich nur zwischen Asiaten und Schwarzen. In der Innenstadt wird, besonders an einem Samstagabend, an dem ganz Belfast zum Kotzen blau ist, jedes Fahrrad geklaut. Polizeipatroullien sind überall an der Tagesordnung.

 

Ich will schreien. Ich sehne mich nach einer Schule, an der alle eins wollen: Wissen und Können erwerben, gemeinsam. Ich sehne mich nach einem schönen, naturnahen Ort, nach Freiheit. An dem alle aufgeschlossen sind, zur Welt hin orientiert, auf der Suche nach dem Neuen, Unbekannten.

Ich fühle die Energie in mir, wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht. Fühle mich jung, schön, wissbegierig, will lernen und lehren, schreiben, arbeiten, reisen.

LEBEN LEBEN LEBEN!!!

Doch ich bin traurig. Niedergeschlagen. Lustlos. Leer. Schlaff. Orientierungslos.

Andrea sagte heute zu mir: You are like a wee flower, which is drying out.

 

Ich will heim.

 

Februar 2015