Auf dem Hahnenkamm. Unzusammenhängende Aufzeichnungen von unterwegs

Auf dem Hahnenkamm. Unzusammenhängende Aufzeichnungen von unterwegs

… Und eine Liebeserklärung an das Wandern

Die letzten warmgoldenen Sonnenstrahlen spitzen durch das dichte Blätterdach der mächtigen Rotbuchen. Der Wind bringt die Blätter friedlich zum Rauschen. Hier öffnen sich die Buchen zu einer kleinen, noch hellen Lichtung. Am Kreisrand stehen zwei zarte Lärchen, die auch mal einen Blick zum Horizont werfen wollen.

Eigentlich wollte ich die Wanderkarte studieren. Welche Wege ich morgen einschlagen kann? Doch beschließe ich, lieber meinem Prinzip treu zu bleiben: Niemals einen Blick auf die Wege des nächsten Tages werfen! Schließe den Tag dort ab, wo du gerade bist, und eile nicht in Gedanken voraus!

Also falte ich die Karte ordentlich zusammen und stecke sie in ihre Klarsichthülle. Stattdessen widme ich mich meiner Schokolade. So liege ich nun auf der Isomatte auf dem stacheligen Bucheckern-Waldboden und erhole mich vom aufregend-anstrengenden Abendessen.

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Der Hobo-Kocher

(In meinem Fall eine geleerte 375g-Dose Kidney-Bohnen)

Welch ein Spaß! Ich bin totaler Fan!

Man hat alle Vorteile eines richtigen Lagerfeuers, ohne wirklich eines zu haben: Man

Benötigt fast kein Holz, allerdings viele ganz ganz kleine Ästchen; bei einem größeren Koch-Projekt muss man den Kocher womöglich zwischendrin von Asche und Glutstückchen befreien, die sich an der Kocherinnenwand ansammeln und somit das Nachschieben von neuem Brennmaterial konstant erschweren.

Hinterlässt so gut wie keine Spuren im Wald.

Hat die Wärmewirkung eines Lagerfeuers, weil man absolut permanent am Nachfeuern und Anpusten ist (und körperliche Bewegung hält bekanntlich warm), weil die Flammen, so klein sie auch sein mögen, ordentlich Hitze abstrahlen, und weil es recht lange dauert, bis die letzte wärmende Glut verglommen ist.

Hat klebrig verruste Töpfe, die noch Tage später in der heimischen Küche einen Duft nach Wildnis verströmen.

Erhält Essen mit wunderbarem Räucheraroma.

Duftet nach Lagerfeuer, wenn nicht sogar, aufgrund des wesentlich engeren Körper-Rauch-Kontakts als gewöhnlich, noch stärker.

Bei der Anwendung des Kochers ist dringend zu beachten: Sämtliche Zutaten sollten bereits zur Hand und geschnippelt sein! Hat man den Kocher, sprich das Feuerleinchen, einmal gestartet, muss sämtliche Aufmerksamkeit auf dessen ununterbrochene Nährung gelegt werden.

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Wann schlafen Mäuse?

Mein Tarp ist endlich aufgebaut. Nun warte ich nur noch darauf, dass es dunkel wird damit ich schlafen gehen kann. Ob irgendjemand ahnt, dass ich hier bin? Ich glaube, man sieht mich nur, wenn man es weiß. Ein schönes Gefühl!

Oh, ist das kuschelig unter meinem Tarp! Irregemütlich! Seltsam, welche Wirkung so ein Dach über Kopf und Körper hat. Ich fühle mich so sicher und geborgen. Nichts und niemand kann mir hier etwas antun. Nur der Gedanke an die geradezu abartig riesigen, roten Nacktschnecken, die sich irgendeiner meiner Habseligkeiten nähern könnten (weiter will ich dieses Bild gar nicht ausmalen), beunruhigt mich ein wenig. Ansonsten ist es so leise im Wald, so still! Abgesehen von einigen Nadeln oder Blättern, die auf mein Dach fallen, einem leisen Grasrascheln – nichts!

Doch dann bekomme ich tatsächlich Besuch. Von einer Maus!

Scheinbar will sie keine Minute verlieren und nutzt die ruhigen Stunden der Nacht um alle Bucheckern, die um mich herum auf und im Boden verteilt sind, für ihren Wintervorrat zu sammeln. Wie hätte ich auch mit einer darart arbeitseifrigen Maus rechnen können? Sie arbeitet wahrscheinlich kaum eine Armlänge von meinem Kopf entfernt. Ihr Gewusel weckt mich ständig auf. Wie schön, da kann ich immer wieder die Dunkelheiten der Nacht sehen, die sommerige Wärme spüren und den süß-würzigen Duft des, doch nicht, schlafenden Waldes einatmen.

Erst als es bereits dämmert, macht die Maus eine Pause und ich falle in tiefen Schlaf.

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Wann ich wohl wieder aufgewacht bin? Mir egal, diese zwei Tage will ich uhrzeitlos sein. Als ich weiterlaufe, steht die Sonne schon ziemlich steil am Himmel. Mein Rucksack ist leicht geworden. Meine, Freiheit gewöhnten, Füße finden sich langsam mit der Enge der Wanderschuhe ab. Leicht-Füßig geht es über den weichen Waldboden.

Wie ich es liebe, diese ersten Schritte am Morgen, manchmal etwas steif noch. Dieses morgendliche Losziehen, das ist das Größte! Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit! Da gibt es nur mich, mein kleines Zuhause auf dem Rücken; den Weg vor mir, wohin auch immer er mich führen wird; die kleine, oh so große Welt um mich, wunderschön und wundersam!

Ich liebe es, wenn man irgendwann nicht mehr jedem vorbeirasenden Gedanken hinterher jagt. Wenn die Gedanken überhaupt immer weniger werden, bis man schließlich im Moment ankommt. Wenn Körper und Geist so eingespielt und ruhig geworden sind, dass man einfach nur noch läuft. Läuft. Läuft. Man spürt den Boden unter den Schuhsohlen; die Muskeln in Beinen und Po; das Atmen durch die Nase und im Bauch; das Gewicht des Rucksacks auf den Hüften; den Schweiß im Nacken und in den Kniekehlen.

Ich liebe es, wenn die Schritte langsamer werden, weil der Weg immer steiler bergauf führt. Wenn der Atem tiefer wird, der Schweiß in Bächen rinnt, der Rucksack zu drücken beginnt. Langsam schiebt man sich voran, stetig. Volle Konzentration auf dem nächsten Schritt. Wenn man sich zu fragen beginnt: Wozu zum Henker?

Doch kein Anstieg dauert ewig.

Ich liebe es, sich abends dann all den Schweiß und Staub in einem Rinnsal von Händen und Gesicht zu spülen. Ausreichend, um sich wie neu geboren zu fühlen.

Und wie liebe ich es, falls man doch irgendwann wieder in die Zivilisation zurückkehren muss, wenn man sich vor dem Rest der frisch gewaschenen Gesellschaft noch klebrig-ekliger fühlt, doch der Geruch nach Schweiß und Rauch und frischem Wind und Erde und die Striemen und Dreckspritzer an den Beinen wie edle Auszeichnungen sind.

 

Juni 2017