Ankommen. Below

Ich muss einkaufen. Soweit ich mich erinnern kann, ist der Weg nach Dobbertin schattiger, als der nach Mestlin. Es wird ein heißer Tag werden, die Sonne strahlt schon mit allen Kräften, doch noch ist der Morgenwind kühl. Ich schwinge mich auf mein Rad und biege unten an der Hauptstraße nach rechts ab, nach Dobbertin. Gleich müsste ich an dem Marmeladenstand vorbeikommen, richtig – der orange Sonnenschirm leuchtet noch immer. Hinter Below geht es unter riesigen Linden, die sich schon zur Blüte vorbereiten, leicht den Berg hoch. Auch heute, wie schon vor zwei Jahren, muss man hier strampeln und wird sich heimzus rollen lassen können. Gleich kommt der Bahnübergang, den ich, als ich das allererste Mal hier angefahren kam, völlig überschätzt hatte (30er-Zonen finde ich grundsätzlich übertrieben). Nicht hier. Selbst mit dem Fahrrad ist es keine Wonne über die Gleise in ihrem ruinierten Asphaltbett zu rattern. Kurz darauf sieht man in kleiner Entfernung den See, bevor man in den duftenden Kiefernwald taucht. Ich erinnere mich an die Kühle und die Würze des Harzes. Es kommt mir vor, als sei ich gestern oder vielleicht vorgestern zum letzten Mal hier gefahren. Dabei ist es doch immerhin zwei Jahre her, dass ich zuletzt hier war und selbst damals war ich auf dieser Straße nicht allzu oft unterwegs. Jetzt kommt die Kreuzung mit dem einst etwas heruntergekommenen Haus, das nicht mehr ganz so schlimm aussieht. Und dann – die Robinienallee. Diese mächtigen, uralten Bäume! Sie beeindrucken mich aufs Neue. Ich erinnere mich an ihren süßen, durchdringenden Duft, mit dem sich mich betören und der mir noch lange in der Nase bleibt. Das war immer mein Lieblingsabschnitt auf der Strecke und ist es geblieben. Wie vertraut sind mir die unzähligen roten, grauen, schwarzen, gescheckten, grob- und feinkörnigen Asphaltflicken auf der Straße, die Kurven, die Steigungen…

Schon als ich vor einigen Tagen an der Kunsthalle ankam, erfasste mich ein Vertrautheitsgefühl: Ich erkannte den Feldweg sofort, holperte ihn genauso langsam hoch, wie ich ihn vor knapp zwei Jahren hinuntergeholpert war. Dann stand sie vor mir, die Kunsthalle. Ich stellte mich vor ihr auf, sah mich um. – Und war einfach wieder da! Die Betonplatte, der Eiswagen, die verrostete Absperrung, der Basketballkorb – alles war noch an seinem Ort und in kaum verändertem Zustand. Die Dusche hatte einen eleganten Holzboden bekommen. An der Halle gab es neue, goldglänzende Backsteine. Der Holunder blühte noch nicht wie damals, aber das würde bald kommen. Als ich den Feldweg nach hinten spazierte, näherten sich die Pferde neugierig. Ich war voller Freude wieder da zu sein. Doch still, unaufgeregt. Ich kannte ja alles. Ich freute mich, die alten Nachbarn wieder zu sehen; wusste, welche Menschen in kurzer Zeit strahlend auf mich zukommen würden. Was für ein gutes Gefühl! Das war ein Ankommen, wie ich es selten erlebe: Kein vorsichtiges, vielleicht sogar unsicheres, allmähliches Herantasten an die Umgebung; ein Einfinden in eine unbekannte Situation, die voll unzähliger unberechenbarer, unerwarteter Möglichkeiten steckt, und das Stunden, Tage, sogar Wochen dauern kann.

Diesmal ist es ein frohes, sicheres Ankommen, das sich in dem Moment des Ankommens in einen Moment des Angekommen-Seins wandelt. In dem Wissen, dass dies für mich ein guter Ort ist.

 

 

Juni 2018