Abschied. Prösitz

Abschied. Prösitz

Es ist der sechste Mai.

Der Bus ist wieder gepackt.

Es kann losgehen.

Ich verabschiede mich von der Bibliothek, der Keramikwerkstatt, dem Hof, der Küche. Alles ist abgewaschen, die Arbeitsflächen gewischt. Ich hinterlasse sie sauber, unbelebt. An wie vielen Morgenden habe ich mir hier Kaffee gekocht? Wann ist der Griff in die Besteckschublade, der kurze Gang zum Kühlschrank zur Routine geworden? Im Winter saß ich auf der breiten Fensterbank, die wärmende Heizung unter meinem Po, und sah in den grauen Hof und auf die riesige Linde hinaus.

Ich verabschiede mich von meinem Zimmer. Das kleinste in dem ich je gewohnt habe. Es war eng, der Platz zum Leben und Arbeiten musste gut eingeteilt werden. Doch ich hatte es mir gemütlich gemacht. Der Blick aus dem Fenster bietet nun einen sattgrünen, laubgefüllten Haselnussstrauch. Zu Beginn meines Wohnens war er kahl und balancierte Schneemauern auf seinen Zweigen. Das Zimmer ist wieder leer, die wenigen Möbelstücke an ihrem ursprünglichen Platz – ein Gästezimmer: Nicht gerade abweisend, aber unbewohnt. Ich werfe einen letzten Blick die steile Treppe mit den hohen, ausgelatschten Stufen hinauf, die ich in den letzten drei Monaten so oft hoch- und hinuntergestiegen bin.

Als ich mich im Flur von meiner Gastgeberin verabschiede, kommen kurz Bilder meiner Ankunft hoch. Es war Anfang Februar und dunkelte bereits, obwohl es erst 17 Uhr war. In der Keramikwerkstatt brannte Licht. Ich wurde mit einem Strahlen und tonigen Händen begrüßt. Wir tranken gemeinsam einen Tee oben in der Küche, danach war ich mir selbst überlassen. Ich packte aus und begann sofort mich einzurichten. In mir war das Gefühl der Vorfreude auf die kommenden Wochen, eine ungeduldige Erwartung und ein wenig Anspannung. Alles fremd, alles neu, alles möglich.

Jetzt weiß ich welche Dielen knarzen, wie ich mit der Problematik des für mich nicht zur Verfügung stehenden Hausschlüssels umzugehen habe, habe für meinen Morgenkaffee meinen Lieblingsplatz unter den Kirschbäumen gefunden, kenne so manche Eigenheiten der Bewohner und Angestellten.

Ich hatte es kaum erwarten können aufzubrechen, endlich wieder im Bus zu wohnen, draußen, den Frühling und Sommer hautnah mitzuerleben. Und doch ist es auf einmal für wenige Momente seltsam diesen Ort zu verlassen. Aufzubrechen mit dem Wissen: Ich werde nicht wieder hierher kommen. Ein Hauch von Wehmut, ganz leise, weht vorbei. Abschied nehmen, um bald irgendwo, an einem unbekannten Ort, wieder anzukommen…

 

 

Mai 2018